muttiert

Vom kleinen Lord und dem braven Mann

Farbenblind

Pink ist nicht für Mädchen und blau nicht für Burschen. Das mag jetzt noch immer ein paar verwundern, ist aber grad nur eine Station auf dem historischen Karusell der geschlechtsspezifischen Zuweisungen. (Darüber habe ich mich ohnehin an anderer Stelle schon ausgelassen, und J.F. Sargent referiert über diese und andere „unumstößliche“ Wahrheiten.). Trotzdem bringt es mich zum Grübeln.
Da ich mich bis zur Geburt im Unklaren ließ, was das Kind nun für ein Geschlecht haben würde, habe ich die geschenkten Kleiderberge vorsorglich sortiert. Pink war eher bäh, Autos auch. Da sich aber dennoch „Mädchen-Sachen“ unter das Erbeutete gemischt haben (Gottseidank!) wechseln wir nun ständig von einer Farbphase in die nächste. Es begann mit weiß/hellbau/gelb, dann kam grün/orange, eine starke Rotphase und demnächst landen wir bei braun. (J. wächst unglaublich und wird des öfteren 2 Monate älter geschätzt.)

© Katja GrachWenn Menschen fragen „was“ J. ist, freue ich mich sehr, weil ich meine, der automatischen Zuordnung ein Schnippchen zu schlagen.  Lieblingshirt (mein Lieblingshirt eigentlich) mit Krebs und dazupassendem Jäckchen sind nämlich rot. Sie stammen  aus der Mädchenabteilung vom Lutz. In der Bubenversion ist der Krebs blau. (Wie bescheuert ist das denn?!). Dafür ist J.’s Lieblings-Strumpfhose (alos meine) blau mit einem Polizeiauto auf dem Hintern. Das verwirrt einige. Beim Yoga mit Baby sind die andren Kinder farblich nach Geschlecht sortiert. Nur J. halt nicht. Dafür hat er Style.😉
Auch der altrosa Pullunder mit dem blauen Karohemd war voll schick. Und dann ist da noch ein weinroter Zweiteiler, plüschig mit Rüschen und einem rosa Herz am Reissverschluss. Klassisches Mädchenteil. Aber kaum hat J. ihn an, erinnert er mich unweigerlich an einen kleinen Lord. Er wirkt für mich nahzu erhaben, seine Gesten (Handhaltung im Schlaf) beinahe aristokratisch, ja geradezu fürstlich. Wäre J. ein Mädchen, wärs vermutlich einfach niedlich. Hätte das Mädchen einen Spiderman-Pulli an, kämen die ersten tomboy-Assoziationen auf. Schräg ist das. Und ist dann J. mal blau in blau/türkis, leide ich unter latentem Verfolgunswahn. Auf der Koordinationsstelle für Geschlechterforschung zum Beispiel. Hab mit J. im Schlepptau Bücher abgeholt und dachte nur: Oh Gott, er ist voll in blau, wie stereotyp! Was werden die von mir denken? 😀 (Mensch kann halt nicht raus aus seiner Haut. Andre hätten vermutlich Bedenken, dass das Kind homosexuell wird, wenns Rüschen trägt…So haben alle ihre kleinen Denkgefängnisse im Kopf🙂 Immerhin, mit rosa  Blümchen und Herzchen tue ich mir schwer. Mit Monstertrucks und Flugzeugen allerdings auch. Beides erschließt sich mir nicht wirklich. Dass ist mir dann schon eine Spur zu deftig in beide Richtungen der geschlechtsspezifischen Zuordnung. Als gäbe es keine Rosenzüchter und Flugpassagierinnen. Als würden Frauen nicht Auto fahren und Männer nicht lieben…

Wider der niedrigen Erwartung

© Katja GrachMänner. Brave Männer. In unterschiedlichsten Zusammenhängen begegnet er mir, der brave Mann. Was bedeutet das „brav“? Und was bedeutet es, wenn das „brav“ nicht vor dem Mann steht. Ist er dann ein „normaler“ Mann? Also einer, der alle bösartigen Stereotype zum Mannsein erfüllt? (Unfähig Hausarbeit zu erledigen, sich Essen zu zu bereiten, raucht, säuft, zieht mit anderen „nicht-braven“ Männern um die Häuser, usw.) Und wenn dann einer Verantwortung übernimmt für sein Kind, für seine Familie, für ein gleichberechtigtes Zusammenleben, ist er dann „braver“ als andere? Tut er dann das, was seine Partnerin von ihm erwartet anstatt  „nicht-brav“ die niedrigen Erwartungen der Gesellschaft an ihn zu erfüllen? Auch schräg, diese Wortakkumulation: braver Mann.
(Eine brave Frau hingegen, ja die würde den Klischees entsprechen und sich den Erwartungen an ihre Rolle gemäß verhalten). Wie es sich eben gehört. Das Pendant zum braven Mann wär dann wohl die bad woman, oder das bad girl. Aber bad man gibts ja nicht. Wär ja eine Verdoppelung in diesem Sinne. Nur mad man. Aber der spinnt dann halt noch ein bisschen zusätzlich.)

Müllmann mit Liegegips

Der „brave“ Mann an meiner Seite geht 7 Monate in Karenz. „Toll, dass das geht“, hören wir deshalb öfter. Zu mir hat noch niemand gesagt: „Toll, dass du in Karenz gehen kannst. Echt spitze, dass dir das deine Firma ermöglicht.“ Why? Ich meine: Warum glauben eigentlich immer alle, dass die Jobs, die Männer machen um Klassen wichtiger sind, als jene Posten die Frauen innehaben? Egal ob es sich um den Topmanager XY handelt oder denn Herrn von der städtischen Müllabfuhr. Same same, but different.
Warum muss 2013 ein Unternehmen es „erlauben“, dass Eltern (pardon, Väter) in Karenz gehen dürfen? Sie haben ein Anrecht darauf und Kündigungsschutz. Sie „erlauben“ es auch bei Frauen. Genauso wie sie es „erlauben“, dass ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen Monate lang in Krankenstand sind, weil es sich mit Liegegips schwer arbeiten lässt. Und genauso lässt sich auch Ersatz finden, wenn Herr Kollege X vom Bus überfahren wird. Leichter ist es allerdings, wenn er drei Monate vorher Bescheid gibt. Also wie im Falle einer Karenz. Alle Menschen sind in irgendeiner Form am Arbeitsplatz ersetzbar. Der Ersatz macht’s zwar meistens ein bisschen anders, in Konkurs geht das Unternehmen aber trotzdem nicht davon. Auch nicht während Frauen in Mutterschutz sind. Bloß das Argument der schweren Ersetzbarkeit (bei Männern) sagt uns eigentlich nur eines: „Liebe Frauen, eure Jobs sind nur Beschäftigungstherapie – ihr geht in Wahrheit niemandem ab. Wir sind allerdings die wahren Checker, darum kann man auf uns wahrlich nicht verzichten“.

© Katja GrachUnd finanziell? Zumindest in Österreich gibt es Einkommensabhängiges Kinderbetreuungsgeld. Die Höchstgrenze liegt bei € 2000 monatlich (80% des Letzteinkommens). Verdient der werte Herr außerhalb der Elternzeit wirklich so viel mehr, wird er es sicher schaffen, sich etwas anzusparen. Soll das Kind länger familienintern betreut werden, schlägt sich der finanzielle Aspekt ebenfalls zu Buche. Bei der längsten Variante – 30 (plus 6) – gibts ca. € 436 pro Monat für (in den meisten Fällen) die Mutter. Wenn ich davon ausgehe, dass diese zuvor wenigstens knapp über € 1000 in einem schlecht bezahlten Vollzeitjob verdient hat, dann verzichtet die Familie auf ca. € 570 im Monat. Und womit wird diese finanzielle Lücke dann gestopft? Eine/r von beiden wird dann wohl doch noch etwas dazu verdienen müssen. Sicher mensch spart sich den Kinderbetreuungsplatz für eine Zeit lang. Der ist ohnehin ein Streitthema auf einem ganz anderen Blatt.  Dennoch: Finanziell und rein rechtlich fehlt es an Gründen, warum Männer keine intensivere Zeit mit ihrem Nachwuchs verbringen sollten. Die Schranken sind schon da… In unseren Köpfen.

2 thoughts on “Vom kleinen Lord und dem braven Mann

  1. Oh, wie ich diese Klischees doch auch kenne. Mit 2 Töchtern wird man da ganz schön damit bombardiert (weil sie dem Klischee eben nicht entsprechen) und mit entsprechender Kleidung und Frisur im Kleinkindalter kann man ordentlich Verwirrung stiften🙂
    Ich hab da mal einen ganz ähnlichen Artikel drüber geschrieben, der passt da genau dazu: http://sybillejohann.de/warum-zum-teufel-werden-babys-nach-himmelblau-und-rosa-sortiert/
    LG
    Sybille

  2. Interessant, darauf kommt ja eigentlich nicht jede_r.
    Wenn der Papa in die Karenz geht, gibts folglich auch mehr Karenzgeld, weil Männer immer noch mehr verdienen…

    Zu brav denk ich mir seit einem Schläfchen im Etymologiewörterbuch: kommt von brave- mutig.😉

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