muttiert

293 Tage…was bisher geschah

kuh

…previously on desperate housewives…

Ich warte. 293 Tage sind es jetzt seit dem offiziellen Beginn meiner Schwangerschaft. Laut Geburtstermin (an den sich ohnehin nur ca. 5 % aller Babies halten) bin ich den 11. Tag drüber. Auf meiner to do – Liste für heute steht:

  • Blog-Artikel
  • Geburt
  • Spazieren
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die Luft ist langsam raus, auch aus dem Pool

Die Reihenfolge ist noch variabel. Vielleicht leg ich mich auch bei Kerzenschein und Sigur Ros oder Vivaldi wieder in die Wanne, um meinem/r UntermieterIn zu demonstrieren, wie schön doch die Geburt im Geburtsbecken im Kinderzimmer wäre. „Pool ist cool“ sagt E., soll ich dem Käferlein ausrichten. Oder besser der Schildkröte. Ich hab’s so mit Schildkröten. Die sind zwar ziemlich beweglich im Wasser (noch turnt es ja ganz schön hin und her und streckt mir seinen Hintern zum Bauch raus), aber wenn sie mal das Land erreichen, dann sind die echt ziemlich langsam. Vermutlich schlüpft also eine Schildkröte demnächst. Morgen steht jedenfalls der obligatorische Wechsel ins LKH an. Dann werden wir ja sehen, ob die Schildkröte noch etwas Reifungszeit benötigt. Laut Gynäkologem geht es der turtle_460248_GIFSoup.comSchildkröte prächtig. Wie ne Schneekugel sieht meine Gebärmutter aus. Noch so viel Käseschmiere. Das muss es vom Vater haben. Wäre der mit soviel Käse umgeben, der würde den Raum auch nicht verlassen. 293 Tage also – und morgen Tag X? Zeit für einen Rückblick.

The Beginning

Ham064Hamburg, Weihnachten 2010, Schanzenviertel, Sofa-Bar Zoe’s, drei Uhr nachmittags, zwei Mexikaner und zwei Glühwein später: Nora, Mira, Anna, Jonas, Juri, Nicolas – so sollen unsre Kinder heißen. Es ist besiegelt. Anzahl allerdings noch nicht bestätigt.

Graz, Juli 2012, Geburtstag, eine Flasche Wein, „Machen wir doch ein Kind“ – omg-cat8_325474_GIFSoup.com„OK“…nächster Tag „oh mein Gott, was haben wir nur getan.“🙂

Später Juli 2012, potenziell schwanger?, Radunfall, keine Schmerzmittel, drei Tage Krankenhaus zur Beobachtung, niemand traut sich untersuchend an mich ran, ich bin eine Ausnahmeerscheinung und heile von selbst, ohne Schmerzmittel, ohne Schmerzen. Spannende Erfahrung. Eigenartiges Ziehen im linken Fuß. Schwanger?

Nicht Schwanger.

Graz – Brno, 15.09.2012, an der Bahnhofsbuchhandlung spontan „Unter dem Herzen“ von Ildiko von Kürthy erstanden. Ich lese gebannt und frage mich…

Brno, 16.09.2012, erste schlaflose Nacht, eigenartiges Ziehen im rechten Fuß, irgendwas ist anders an meiner Brust. Schwanger. Ich weiß es einfach.

Ende September, das erste Mal in meinem Leben erscheint ein zweiter blauer Streifen auf dem Test. Surreal. Echt.

Schwanger

Mitte Oktober, ein kleiner Knödel mit Flügeln erscheint auf dem Ultraschall.crash_4058234_GIFSoup.com

Es folgt: Die Hingabe zur Übergabe, begleitet vom ständigen Gefühl des sich dessen gleich ergeben Müssens, unterbrochen von wenigen und kurzen Momenten der kompletten Übelfreiheit und angereichert durch Zustände der totalen Erschöpfung und Ermüdung. Herbst/Winter verbringe ich horizontal oder gebeugt über der Kloschüssel.

Wirre Träume über Monate…mit Werwölfen/ in Schwarz-Weiß-Zeichentrick (ich bin Arielle, die Meerjungfrau und überzeuge meinen Vater, Prinz Eric nicht heiraten zu müssen!)/ ich stehe an der Straße in Hamburg an der polnischen Grenze (!) und die Wehen setauck_ 095zen ein – die Hebamme macht sich zu Fuß auf den Weg und ist in 4 Stunden (!) da – A. kommt auch endlich, aber mit Kopfhörern und besoffen am Rad – und er übersieht mich am Straßenrand und fährt weiter/ ich gebäre in der Badewanne meiner Eltern – A. kommt wieder nicht, obwohl der Kopf längst draußen ist – er muss die Filterkaffeemaschine noch für den Dammschutz besorgen/ ich werde von riesigen Mond(?)kühen verfolgt, die es auf die Mondfahrräder abgesehen haben (Anmk.: Optik eines Lastenfahrrads) und verbarrikadiere mich mit der gesamten Verwandtschaft bei meiner Oma. Das Kind ist da, aber winzig klein. Ich ziehe es an und frage A. wie die Geburt war, wie groß und schwer es ist. Ich kann mich nicht daran erinnern…

Jänner – März 2013, Hormonhoch, Juhuuu! Endlich. Und Vollzeit im Einsatz. 12-Stunden-Tag? Pffff, kein Problem. Arbeit macht mein Leben froh, neue Projepregnant_2632097_GIFSoup.comkte sowieso. Hypno-Birthing am Wochenende, Bauchtanzen für Schwangere Mittwoch abends, das Kind hat nun Arme und Beine und ein süßes Stupsnäschen. Was wird es, was wird es? Wissen wir nicht, wollen wir nicht wissen. Die längste to-do-Liste meines Lebens wird angefertigt und soll in vier Monats-Schritten abgearbeitet werden. Panik. Wann, wo, wie? Aber wohooo, Hormonhoch.

April 2013, letzter Arbeitstag. Ich muss mich zusammenreissen, um nicht beim Heimfahren zu heulen. Jetzt ist es fix. Das Kind kommt. Mein Bauch steht mir gut, ich freue mich, aber so ganz ohne Hirnnahrung? Die to-do-Liste ist fast abgearbeitet. Zeit für Yoga. Zeit für mich?

Was wird es? Was wird es? Ah der Bauch…so weit oben…ein Mädchen, ein Junge…die reine Haut, wenig zugenommen…ein Mädchen, ein Junge…heuer ist ein Nussnjahr…ein Junge…(die letzen beiden Geburten in meinem Umfeld waren Mädchen, aber bitte, mensch widerspreche nicht der Bauernregel).

Menschen aller Bekanntheitsgrade fühlen sich bemüßigt, mir und A. die horrendsten Geburtsgeschichten aller Zeiten zum besten zu geben. Best of: „Eine Freundin von mir ist bei der Geburt gestorben.“…. Super Geburtsvorbereitung, Danke, tolles Einfühlungsvermögen. Wozu mache ich Hypno-Birthing, um den Angst-Spannungs-Schmerz-Syndrom ein Schnippchen zu schlagen? Dem nächsten Führerschein-Neuling werde ich auch gleich alle Verkehrsunfälle mit Todesfolge, von denen ich weiß, erzählen und Leuten vor Operationen die Kunstfehlerraten unter die Nase reiben. „Der Mensch ist grausam“, sagt mein Gynäkologe dazu. Stimmt.

Final Countdown

Mutterschutz. 8 Wochen. ACHT Wochen. Arbeitsalltag zu Ende freu, Langeweile komme :(  Wieder müde. Wasser in den Beinen. Das Wetter bessert sich, die Pollenallergie wächst sich zu einem monströsem Problem aus. Eine Wohnung für mich allein. Ganz allein uäääh. Balkonverbot. Ich treffe mich mit allen, mit denen ich mich noch mal treffen wollte und fülle meine Tage mit kleinen Besorgungswegen. Mittlerweile liegen die Besuche schon wieder ewig zurück. Telefonate ziehen sich über Stunden. Draußen scheint die Sonne. 2 Minuten Balkon, 30 Minuten Allergieschub, 2 Stunden schlafen im abgedunkelten Zimmer. Wenn die Sonne nicht scheint, regnet es. Nur mehr Schlapfen. Kaum mehr Kleidung, die meinen Bauch bedeckt. 113 cm Bauchumfang an der breitesten Stelle. Zwischendurch Nestbaustrieb. Putzen und Kochen. Katalogisieren aller brauchbaren Rezepte in Excel, katalogisieren aller Uniartikel in Excel, Einholen von gebrauchter Babykleidung, Ausmisten, unbefriedigende Friseurbesuche, Stirnfransen mehrmals im Anschluss selbst verschneiden. Ist das „dolce far niente“? Die Begeisterung hält sich in Grenzen. In meinem Schwangerenbadeanzug (schwarz) treibe ich im Hallenbad wie ein Killerwal auf dem Rücken. Nur die Rückenflosse fehlt. 12 kg plus, davon ca. 10 im Bauchraum verteilt. WTF? Urlaub ist irgendwie anders.

A. schiebt langsam Unruhe. Der Geburtstermin nähert sich. Immer wieder wacht er des nächtens auf und greift das Laken und mich nach feuchten Stellen ab, weil er geträumt hat, vom Fruchtwasser überschwemmt zu werden. Einmal klatscht ihm im Traum gar die Plazenta ins Gesicht inkl. Nabelschnur. „Wo ist das Baby?“ fragt er. Und dann wirklich. Ich wache in einer Pfütze auf. Fruchtwasser? Keine Wehen. Vielleicht auch nur Schweiß? Warten wir. Früh morgens Enthusiamus, Aufregung, Tralala. Die Hebamme kommt. Fehlalarm. Alles wieder zu. Baby liegt zu weit oben. Wahrscheinlich ein Haarriss.

Drei weitere Wochen verstreichen. Wie weit fahren wir noch weg? Was wenn die Wehen einsetzen? Mein Radius beschränkt sich nur mehr auf wenige Kilometer. Und noch immer Pollen, oder Regen. Ausgangssperre. Nestbautrieb hält sich in Grenzen. Langeweile und Spider Solitär. Warum müssen alle anderen bloß arbeiten? Gehe ich aus dem Haus, kaufe ich unkontrolliert Literatur. Die Essays für meine Uni-LVs können noch warten bis Ende September. Darauf hab ich keinen Bock mehr. Jetzt nicht. Alternative Wege zur IMG_4541Weheneinleitung. Alles abgehakt. Alles längst Routine. Viel tut sich trotzdem nicht. Verzweiflung, Heulen, Pulsatilla. Da produziert mein Körper ein Kind und lässt es nicht raus. Resignation. Dann Zen-buddhistische Gelassenheit. Na gut, dann gehen wir halt ins Krankenhaus und helfen dort mal etwas nach. Lassen wir uns überraschen. Vielleicht schwemmt es die kleine Schildkröte auch schon heute an Land. We will see. Ich werd dann mal Spazieren gehen…

„Erstens kommt es anders, zweitens wie das Kind es will“ – Ingeborg Stadelmann, Die Hebammensprechstunde.

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