bildgewaltig

Otto Mühl, die Entstehung von Hass, Gewalt in der Sprache und die Suche nach Empathie

© Katja GrachOtto Mühl ist tot. Irgendwie bin ich dadurch erleichtert. Die Szenen aus „Meine keine Familie“ aus der heurigen Diagonale in Graz sitzen mir noch tief im Nacken. Selten hab ich so bitterlich geweint im Kino. Auch Dirk Stermann zwei Reihen vor mir war fassungslos. Wie konnten so viele erwachsene Menschen sich freisagen von jeglicher Verantwortung für ihre Kinder und in der manipulativen autoritären Figur des Otto Mühl ihren neuen Vater finden? Missbrauch war nur der Gipfel der jahrelangen systematischen psychischen Misshandlung  von Niemandskindern, die öffentlich gequält und bewertet wurden, und für deren Tränen sich niemand zuständig fühlte; geschweige denn offene Arme zeigte. Mensch möchte nicht tauschen mit den ehemaligen Kindern vom Friedrichshof, die nun etwa gleich alt wie ich, ihre Anpassungsschwierigkeiten in der realen Welt in Interviews auf Leinwand schonungslos darstellen.

Vom Zusammenhang Autorität und Hass

Was der Mensch alles nicht sehen kann, weil er es nicht sehen will…- was mich zu Arno Grün in der letzten Wochenendausgabe des Standard bringt. Auf Fragen nach der Entstehung des Hasses und dem damit oft verbundenen gewaltbereiten Rassismus in Europa antwortet er:

„Nicht die Ideologie treibt die Menschen dazu zu hassen.  Der Hass war vorher da. […]
Menschen, die als Kind unterdrückt wurden, verwandeln das, was geschehen ist, ins Gegenteil, um seelisch überleben zu können. […]

Solche Menschen suchen dauernd Feinde, um geistig am Leben zu bleiben. Sie bekämpfen durch den Feind das Eigene, das, wie sie gelernt haben, aus der Sicht ihrer Eltern, der Schule, des Staates oder der Kirche unerwünscht ist. Das heißt, sie hassen sich selbst für das, was ihr Eigenes ist, und projizieren diesen Hass auf andere. Am Anderen hassen sie das, was sie gelernt haben, an sich selbst zu hassen.[…]

Autoritär erzogene Menschen haben Angst vor lebendigen und offenen Entwicklungen. Sie suchen die Welt in ein Zwangsmodell zu pressen.“

Die Feindschaft würde dann allerortens gesucht. Gegen wen sie sich richtet sei schließlich ohne Belang. Es erklärt ganz gut den wütenden Mob, der sich auf HC Strache’s Facebook-Seite tummelt, dem allerlei mittelalterliche Methoden über die Tastatur kommen, ums sich gegen ein ständig wechselndes Feindbild zu wehren. Ob es sich dabei um Muslime oder Natascha Kampusch handelt, die sich nach wie vor nicht in die ihr zugedachte Opfer-Rolle fügen will, scheint wie gesagt – ohne Belang. Die Auswüchse des Hasses bleiben jedenfalls digitales Zeugnis der „westlichen Zivilisation“.

Mit der Blindheit des Hasses oder andersartig (zum Manne) geschlagen scheinen auch jene, die sich hinter Tradition, Lebensbund und Büchern zur Bienenzucht verstecken. Im Zuge einer Lehrveranstaltung über Männerbünde, durfte ich kürzlich an einer „Burschi-Safari“ durchs Uni-Viertel teilnehmen. Spannend, wie verzahnt Burschen- und Sängerschaften scheinen, was die AULA alles veröffentlichen darf, was noch nicht unter Wiederbetätigung fällt (ist über Abo und Landesbibliothek übrigens frei zugänglich – auch spannend: die Auswahl im Buchdienst 😉 ) und wie konsequent der Leopold Stocker Verlag sein ganz „spezielles“ Verlagsprogramm verfolgt.

Beim Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands lassen sich übrigens einige Beispiele aus der Aula und der „Neuen Ordnung“ (Zeitschrift vom Stocker-Verlag) nachlesen.

Mit Blindheit im Herzen geschlagen scheinen auch jene, die in der Debatte um das N-Wort auf ihr Vorrecht zur Diskriminierung plädieren. Freilich gibt es historische Romane und Aufzeichnungen, in denen es keinesfalls gestrichen werden sollte. Ansonsten würde der historisch-rassistische Diskurs auch ziemlich verfälscht. Aktuell geht es jedoch um Kinderbücher (!). Wir wollen schon nicht, dass unsere Kinder zueinander „Arschloch“ sagen. Warum setzen wir uns dann so sehr dafür ein, dass sie ganz bestimmte MitschülerInnen zusätzlich „Neger“ nennen dürfen?!?
Natürlich habe ich dieses Wort als Kind benutzt und mir nichts dabei gedacht; genauso wie die Redewendung „bis zur Vergasung“ (die ich mir immer noch am Abgewöhnen bin). Nicht ganz ohne Scheuklappen durch die Welt gehend, ist mir allerdings mit der Zeit aufgefallen, dass mit jenem N-Wort auch Assoziationen der minderen Intelligenz (verkindlichte Darstellung), Kriminalität (vermeintliche Drogendealer), Mittellosigkeit („i bin n….“), erwartete Unterwürfigkeit („i bin jo net dei N….“), Triebhaftigkeit (der Mythos vom großen Penis und den barbusigen Frauen) und Menschenfresserei (Kannibalen-Faschingskostüm) verbunden sind. Diese Diffamierungsversuche sind doch nicht erst in den letzten 20 Jahren aufgetaucht, in denen sich „plötzlich“ über political correctness empört wird. Und trommeln und tanzen können sie natürlich auch ganz gut, alle nämlich… Dass schon der zu Lebzeiten ehrenwerte Angelo Soliman vom Freimaurer nach seinem Tod zum ausgestopften Wilden mit Muschelketten und Federn im Hofnaturalienkabinett in Wien mutierte, das vergessen wir lieber wieder ganz schnell; Völkerschauen und Menschenzoos sowieso. Der Diskurs rundherum ist allerdings niemals verschwunden. Mensch könnte meinen Nelson Mandela, Wangari Maathai, Kofi Annan und Rosa Parks hätte es nie gegeben. Also beharren wir priviligierte weiße BildungsbürgerInnen doch darauf, dass wir N…. sagen dürfen, in den Geschichten, die wir unseren Kindern vorlesen.

Und wir führen dann sicher auch klärende Gespräche mit 6-Jährigen über die Anmerkung vorn im Büchlein, dass dieser Begriff ja heute als rassistisch gewertet wird. Genau. Schreiben wir doch auch in Aufklärungsbücher beim weiblichen Genital „F*t“ dazu und erklären unseren Kindern dann, dass manche Menschen dieses Wort gebrauchen, aber eigentlich ist es ein degradierendes Schimpfwort. Also lieber doch nicht zur Nachbarin sagen. Bloß wir sind ja schon so emanzipiert und gleichberechtigt, dass wir uns darüber auf ironische Weise lustig machen können. Ist ja alles nur Spaß. Alles nicht so gemeint. Genau. Wie auch jene Ansammlungen (ACHTUNG! Trigger Warning!) von Memes und Gruppen im Netz (bzw. auf Facebook), die an Hass kaum zu überbieten sind. Etwas „offensive“ oder „controversial humour“ zu nennen und „Witze“ mit Fotos von verprügelten Frauen zu machen in einer Zeit in der mehr als 2 Millionen weltweit (vor allem Frauen) von Menschenhandel betroffen sind, 1 von 3 Frauen in ihrem Leben geschlagen oder vergewaltigt wird – ich weiß nicht, da fehlt mir irgendwie die Distanz um über den Schmäh zu lachen. Das extrem grausliche „rape sloth„-Meme, das ebenfalls über eine große Fangemeinde und zahlreiche Seiten auf Facebook verfügt, kann meiner Meinung nach maximal von Menschen mit dem Einfühlungsvermögen eines Betonpfeilers als lustig empfunden werden. Aber bitte. (Facebook überdenkt zumindest nach etwas heftigem Protest seine „policies“ in Bezug auf gender hate speech.)
Ironischer Sexismus, oder gar ironischer Hass? – alles kein Problem, wir sind ja alle so aufgeklärt. Machen wir doch eine Sendung und nennen sie „Who wants to fuck my girlfriend?“ Tun wir doch so, als gäbe es weder Prostitution noch Zuhälterei, als gäbe es weder Objektifizierung oder massenhaft junge Mädchen, die in social media – Plattformen um Likes und „geil“-Kommentare wetteiffern. Gibts ja alles nicht, oder? Bloß, wenn wir alle so sehr drüber lachen können, warum hatte und hat Anita Sarkeesian dann so sehr mit dem großangelegten Widerstand von frauenfeindlichen Gamern zu kämpfen, die sich durch Analysen gängiger Videospiel-Plots in Bezug auf Geschlechterrollen dermaßen angegriffen fühlten, dass sie zum digitalen Rundumschlag ausholten, der in der gesamten westlichen Welt Beachtung fand? Und in welchem luftleeren Raum, muss dann dieser Bayern 2- Beitrag entstanden sein, wenn alles bloß Schall und Rauch ist?

Gleichberechtigung, Respekt, Empathie…schauen anders aus. So zum Beispiel:

Sprache konstruiert Wirklichkeit

Ich bin kein Fan von Täter-Opfer-Dialektik. Aber was Sprache angeht, so sollten wir uns doch alle einmal an der Nase nehmen. Sprache konstruiert Wirklichkeit. Gender Bashing ist genauso wenig notwendig, wie das Beharren auf die Verwendung diskriminierender Begriffe. Oder gewinnen wir etwas dadurch? Verlieren wir etwas, wenn wir’s nicht tun? Die eigentlich total spannende australische Kochsendung „Masterchef“ startet beispielsweise im Sommer 2013 mit einem Relaunch des Konzepts durch…wo zuvor einfach Menschen gegen einander angetreten sind, heißt es nun „girls vs. boys“.

Harmlos könnte mensch meinen. Aber ist es wirklich notwendig ewig durchgekaute Klischees aufzuwärmen, erwachsene Männer und Frauen als Buben und Mädchen zu bezeichnen, die dann Beinamen wie „the dude“ oder „daddy’s little princess“ bekommen? Ist es notwendig, künstliche Geschlechterkampf-Atmosphäre herbei zu führen, wo die ursprüngliche Sendung an sich absolut ohne Seitenhiebe dieser Art ausgekommen ist?

Ich bin normalerweise kein Fan von Kochsendungen, aber konnte mich von den Finalfolgen der Season 1 nicht mehr lösen und bin danach einer zweiwöchigen Kochmanie verfallen…ganz ohne blau vs. rosa.

Gewalt beginnt mit unserer Sprache; auch im Kleinen. Und auch wenn wir meinen, vieles sei doch nur dahingesagt, oder nicht ernstzunehmen – die EmpfängerInnen unserer Botschaften sind jene, die es kränkt, sie sind die, die ernst genommen werden wollen.

Otto Mühl, die N-Wort – Debatte, Burschenschaftsgesinnung, gender hate speech und Arno Grün lassen sich auf unterschiedlichste Weise verknüpfen und zusammendenken.

Was bleibt? Watch your language! Und zeig dein Gesicht gegen Diskriminierung.

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