wo der pfeFFer wächst

Über den Tellerrand – Tod, Tourismus, Tschechien… und Bollywood

schweinTsunami all over

Obwohl ich mich ja wahnsinnig gerne in Graz wähne, treibt es mich diesen Herbst immer wieder ein Stück weit hinaus in die Welt. Nach langem Warten erscheint (hoffentlich endlich) Mitte/Ende Oktober ein Text von mir im Feuilletonmagazon „Schreibkraft“ über einen Tsunami in Thailand und das Verhältnis zwischen Tod und Tourismus. Wie es das Schicksal so will, habe ich letztes Wochendeaußerdem eine Österreicherin in Tschechien kennengelernt, die von selbigem Tsunami 2004 in Sri Lanka überrollt wurde. Ihre Diplomarbeit „Gender and Tsunami“ hat sie schließlich dazu genutzt, ihre eigenen Erlebnisse zu verarbeiten als auch die unterschieldlichen Bewältigungsstrategien von singhalesischen Witwen und Witwern.

Gulasch verbindet

In Tschechien wiederum befanden wir uns aufgrund des Projekts „Global Education Without Borders“ und nutzten vier Tage um herauszufinden, wie Globals Lernen in der Erwachsenenbildung stattfinden kann und welchen Ursprungs Gulasch, Palatschinken und Knödel seien, da weder die tschechischen noch die ungarischen KollegInnen sich die genannten Speisen an die eigenen Fahnen heften wollten. Umgeben von ausgestopften Wildschweinköpfen, Füchsen und Geweihen gab es kaum jemand unter uns, der/die sich nicht über den 80er-Jahre Charme des Hotels amüsierte und gleichzeitig auch feststellte, dass sich Menschen aus Bulgarien, Griechenland, Ungarn, Österreich, Rumänien und Tschechien nicht wirklich unterscheiden. Immerhin waren wir an die fünfzig Männlein und Weiblein zwischen Anfang 20 und Ende 40 von NGOs, Ministerien, Bildungseinrichtungen, Bibliotheken und Zeitschriften. Keine kulturellen Missverständnisse, alle sprachen fließend Englisch, arbeiteten engagiert, diskutierten angeregt und klagten kollektiv über die Fleisch-Kartoffel-Diät (2-mal täglich) die nur von Käse abgelöst wurde. Namen wie Zbynek gehen bereits am zweiten Tag schon leicht von den Lippen, wenn man/frau sich ein bisschen bemüht; Geschichten über „Das Geschäft mit der Liebe“ rufen Unglauben und Entsetzen bei den RumänInnen hervor und die Konfrontation mit dem gängigen Stereotyp über „die Ungar’n“ verkneif ich mir lieber. Es ist schon grausam, was da für Bilder in vielen Köpfen spuken und gar nicht überraschend, dass Menschen mit denselben Interessen und Anliegen ganz schön viel gemeinsam haben. Wie „the west“ and „the rest“ zum Beispiel…

Bollywood in der Schweiz

IMG_5442Das Erkenntnisinteresse treibt mich ja auf die merk-würdigsten Veranstaltungen. So findet im Domikanerkloster in Graz dieses Wochenende eine Tagung zur Tourismusforschung mit Schwerpunkt Mobilitäten statt. Sybille Frank (D) hat heute Nachmittag in diesem Rahmen ihre Forschungsvorhaben bzgl. indischem Bollywood-Tourismus im Schweizer Zentralgebirge vorgestellt. Jawohl. Richtig gelesen. Da seit mehr als zwanzig Jahren obligatorische Tanz-Traumszenen fürs Bollywood-Kino nicht im Kashmirgebirge aufgrund der instabilen Lage gedreht werden können, weichen die MacherInnen schon lange auf die Schweiz aus. Mittlerweile werden sogar ganze Bollywoodfilme dort gedreht – was zur Folge hat: Die Schweiz ist das Paris der InderInnen. Disneyland of Love.
Und so pilgern sie beispielsweise in den kleinen Kurort Engelberg, dessen gigantisches Hotel Terrace im Sommer gar nur mehr Gäste aus Asien beherbergt. KöchInnen und DJs werden aus Indien eingeflogen, in der Lobby gibt es rund um die Uhr Chai und die Pauschaltouren für die indischen Gäste klappern alle Film-Locations ab an denen zusätzlich stilecht in Filmpose ein Foto geknipst wird. Die EngelbergerInnen beschweren sich derweil, dass sich die reichen InderInnen einfach „so“ hier einquartieren (während 90% bereits vom Tourismus vor Ort leben), und dass die Rösti im Mai/Juni von Curry-Gerichten abgelöst werden…
Nun ja, ich war mal in einem kleinen Dorf in Laos…mit vielen Menschen aus dem Westen…und auf der Speisekarte stand: Pizza, Spaghetti, Wiener Schnitzel. Im Ernst.
Selbiges Phänomen übrigens in Zell am See mit TouristInnen aus arabischen Ländern. Und auch dieselbe urban legend (also „selbstverständlich“  für die InderInnen und AraberInnen; nicht für „uns“, wo denkt ihr hin?): Die Touris würden im Zimmer mit dem Bunsenbrenner hantieren, um zu kochen. Genau, bisschen Feuer machen, im Hotelrestaurant gibt’s ja nichts zu essen. Außerdem reden die zu laut und grade die InderInnen würden auch dauernd barfuß im Hotel rumlaufen. Was sagt die Wissenschaft dazu? Orientalisierung. Wenn „the rest“ schon „the west“ „entert“, dann müssen wir die „eigentlichen“ Herrschaftsverhältnisse wieder damit herstellen, dass wir die, die wir sonst touristisch begutachten ein bissl denunzieren. Sonst gerät ja die Welt aus den Fugen.

A propos laute Gesprächskultur: Anglofone Menschen haben die Ansicht, dass Deutsch Sprechende klingen, als würden sie sich gegenseitig Anschreien. Egal was sie sagen. Das bestätigte mir zuletzt unser südafrikanischer Referent in Tschechien und ebenfalls einige Folgen von Scrubs. Sonst ginge der Schmäh im Interview mit Sarah Chalke (Scrubs) gar nicht auf…

Für den Blick über den Tellerrand braucht’s eben so manches Mal eine andere Perspektive.

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