wo der pfeFFer wächst

Wolf Haas’sche Dialektik in Fußfesseln und Migration

haas

In sehr poetischen Momenten bezeichne ich mich gerne als literarisches Kind von Wolf Haas und Andrea Stift. Das liegt einerseits am Wortspiel, an Andrea’s brutaler Realtität, die sie gern einmal beschreibt, aber am verwirrenden Baustellen-Syndrom, das die Bücher von Herrn Haas kennzeichnet und auch auszeichnet. Nach „Verteidigung der Missionarsstellung“ frage ich mich, ob ich einfach mein Werk brach liegen lassen soll und ebenso gekonnt ein paar Einwürfe a la „[diesen Absatz vielleicht etwas nach hinten verschieben; noch 2 Seiten Landschaftsbeschreibungen einfügen]“ hier und da platziere.

Unhinterfragte Fußfessel-Alarm-Logik 

Selbiges würde ich auch gerne bei der Berichterstattung über die Fußfessel-Idee von Ministerin Karl tun. Einfach ein paar Absätze mitten in der Diskussion reinquetschen, die mit „Haben Sie sich eigentlich schon mal überlegt, dass…“ beginnen. – Ich verstehe ja, dass sich Menschen, die sich nur am Rande mit diesem Thema beschäftigen gerne Mal sehr innovativ wähnen und sich die irrsinnigsten Bestrafungen für Täter sexueller Gewalt ausdenken. Unverständlich ist mir allerdings, dass nicht ein einziger Zeitungsartikel die Logik der GPS-Alarm-Geräte hinterfragte, die zwar bei Schulen und Kindergärten losgehen sollen, aber klarerweise sonst nirgendwo. [Und bloß weil ein Alarm losgeht, wenn ich mich in die Nähe des rechtlich beglaubigten Opfers begebe – ganz ehrlich, was hält mich als Täter_in davon ab, mir ein anderes Opfer zu suchen? Abgesehen davon kann ich mir nicht wirklich vorstellen, dass ein Mensch, der/die Opfer sexueller Gewalt wurde, sich beim losgehenden Alarm sicher fühlt. Oder auch, wenn er nicht los geht. Würde eine_r da nicht ständig darauf warten? Und welcher Alarm schützt mich dann vor anderen Täter_innen? Ist ja nicht so, dass solche „Vorfälle“ nur einmalige in den Biografien vieler Menschen wären. Im Gegenteil.] <= So würde das dann aussehen.

Der Unterschied zwischen Migration und Tourismus

Meine Arbeit bringt mich derzeit zu einer weiteren interessanten Lücke im System und Fragen, die sich offensichtlich selten jemand medial präsent stellt: [Bin ich eine Migrantin, wenn ich z.B. einen Job in London oder Bangkok annehme; und dann vielleicht auch noch dort bleibe? Bin ich eine Migrantin, wenn ich mich im Urlaub in einen mexikanischen Universitätsprofessor verliebe und dann dort hinziehe? Hm, nein, oder? Da bin ich dann doch eine Auswanderin. ATV oder RTL machen eine Sendung über mich. Würde ich mich als Migrantin fühlen? Nein. Weil Migrantinnen nicht weiß und priviligiert sind vermutlich. Und würden in dem Bezirk in dem ich arbeite ein paar hundert Schwedinnen und Französinnen leben, dann würde ich sie vermutlich aus meinem Migrantinnen-Projekt ausklammern. Denn Migrantinnen sind, offizielle Definitionen hin oder her, leider diejenigen am unteren Ende der Nahrungskette. Frauen noch mal mehr als Männer. Und es hat durchaus einen Grund, warum ich mir plötzlich Gedanken darüber machen muss, ob dieses Projekt keinen „schmuddeligen“ Touch über unsere restliche Arbeit wirft. Was rein gedanklich eigentlich eine Frechheit ist. Der Unterschied zwischen Tourismus und Migration? „Wir“ sind die Touris, „ihr anderen“ die MigrantInnen. Und wenn ich dann plötzlich jemanden mit anderer Hautfarbe mir gegenübersitzen habe und diese Person auch noch ExpertIn auf ihrem Gebiet ist, dann bin ich ganz irritiert, weil sich dauernd Bilder von „unterpriviligierten“ Fotoobjekten und AsylwerberInnen mit selbiger Hautfarbe dazwischen schieben. Geißeln möchte ich mich gern in solchen Momenten.

tja…

Dann forsche ich noch ein bisschen und denk weiter nach über mein Projekt und komme zu dem paradoxen Schluß, dass die Angst der österreichischen Mehrheitsbevölkerung vor den Migranten am Arbeitsmarkt wirklich nur den Migranten betrifft, die Migrantin nicht. Der schmeißen wir die Arbeit nach. 24-Stunden Pflege, 2 Wochen non-stop, ja die brave Rumänin macht das schon. Ist uns ja wurscht, ob sie selber eine Familie hat und was das eigentlich für Arbeitsbedingungen sind.] Und dann werfe ich noch mal einen Blick auf die Statistik meines Arbeitsbezirks und muss eine grausliche Hypothese aufgrund der Geschlechterverteilung stellen: MigrantInnen aus dem Gastarbeiter-Konnex sind normalverteilt – [bloß was machen denn all die Frauen aus den neuen EU-Ländern hier, und die Philippininen, die Thailänderinnen und die Frauen aus der Domenikanischen Republik? Und warum sind so viele Nicht-Österreicherinnen in der Gruppe „Erbringung sonstiger Dienstleistung“, wo sich kreative neue Selbständige wiederfinden, die als Astrologin, Hundefriseurin oder Heilpraktikerin arbeiten…oder Prostituierte? Und dass es den „Frauen aus dem Osten“ so gut hier geht,  widerlegt zumindest die Beratungsstatistik von Divan, die zunehmend auch mit „dieser“ Zielgruppe zu tun hat. Übrigens ist die Akademikerinnenquote von Nicht-Österreicherinnen wesentlich höher als bei Österreicherinnen. Auffallend sind hier Drittstaatenangehörige und osteuropäische Länder.  Ich bezweifle mal stark, dass das Bildungsniveau jener Frauen, für die österreichischen Interessenten von Belang ist. ] Schalten wir doch lieber auf „Das Geschäft mit der Liebe“ auf ATV, lauschen Robert Nissels furchtbaren Englisch, machen uns lustig über die österreichischen Männer und freuen uns über den Schönheitsköniginnen-Auftritt ukrainischer, slowakischer und rumänischer Frauen, ohne deren Motive und Lebenssituationen genauer zu hinterfragen. Whore’s Glory fällt mir dazu plötzlich auch wieder ein und ich spüre das Bedürfnis die oben gekennzeichneten Extra-Absätze in ATV-Sendungen und Auswertungen der Statistik-Austria einzufügen. Stilbruch wie Wolf Haas, brutale Realität wie Andrea Stift.

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