frauenzimmer

Äh du, ich glaub dein Dekolleté muss sich übergeben….

dekolleteVielleicht studiere ich schon zu lange Gender Studies, oder vielleicht bin auch schon zu lang massenmedien-frei, aber irgendwie komm ich mit diesen Kategorien „Frauen“ und „Männer“ nicht mehr klar. 2005 hab ich diese bereits in wissenschaftlicher Form zu bullshit erklärt, nichts desto trotz veröffentlichen Barbara und Allan Pease noch immer denselben Schwachsinn, der Bro Code macht die Runde und neuerdings lacht mich ein Huhn von der Plakatwand an und teilt mir mit: „Mädls, euer Fernsehen ist da!“. Vom Werbespot will ich gar nicht reden. Schön, dass mir – nur weil in meinem Pass ein F statt einem M steht – der Intellekt eines Huhns zugestanden wird. Immerhin. Rudolf Virchow, Pathologe im 19. Jh attestierte Frauen hingegen, sie seien nur der Appendix ihrer Eierstöcke. Zuerst das Ei, dann das Huhn. Es geht ja vorwärts mit der Evolution… Das Fernsehprogramm für Hühner bietet im Übrigen die kulturelle Vielfalt einer audiovisuellen „Neuen Post“: Ärzte, Liebe, Kochen, Schminken. Klingt ähnlich wie der Spot der Europäischen Kommission, der Frauen in die Technik bringen wollte – mit Miniröckchen und Lippenstift. Ja, genau. Ich danke hier nochmal den geistesgegenwärtigen „Männern“, die sich auf meinem facebook-Profil gegen diesen Schmarrn ausgesprochen haben. Und dann ist da ja noch der Caffe Latte von Emmi, der mein Frauenherz vermeintlich höher schlagen lassen soll und mir weismacht, dass ich bei der Bestellung einer Lokalrunde ganz sicher auf Kaffee! (hahahahaha) zurückgreifen werde…rülps…möchte ich dazu schon fast provokativ sagen. Ja ich weiß auch nicht, aber dieses Frauending, das wirkt ähnlich absurd auf mich wie Slogans á la „Sommersprossige, euer Fernsehen ist da!“ oder „Lässt die Herzen von Rundarm-T-Shirt-Trägerinnen höher schlagen!“. Ich verstehe irgendwie den Konnex zwischen meinen Genitalien und Glitzerkrönchen nicht. Vielleicht hätt ich meine Spektrum-Geo-Missy-Emma-Datum-Comics-Sammlung einfach wegsperren sollen, aber selbst vier Bände Twilight-Saga haben meine Transformation für den Eintritt in den Disney-Prinzessinnen-Club nicht geschafft.

Oben ölig, unten gschamig

Vielleicht liegts daran, dass ich mich mit Männern und Frauen als solche nur mehr beschäftige, wenn es um deren Konstruktion geht. Das diesjährige Urban Art Forms wäre hier ein guter Ausgangspunkt für eine ethnologische Studie mit teilnehmender Beobachtung. Paarungsreife Brustmuskelzucker im jugendlichen Alter reihen sich in bebierter Form Campingsessel an Campingsessel, um sich gegenseitig in gorillesken Tönen ihre Männlichkeit zu bekunden oder das nur in geringer Zahl vorhandene weibliche Publikum beim Vorbeigehen zu bejohlen, begaffen, „befeuchten“ oder einfach nur mit einer von FM4 dankenswerterweise gesponserten Blankosprechblase zu beindrucken, die in bemerkenswerter Kreativität und scharfsinniger Zweideutigkeit mit einem ausgefallenen Spruch wie „Alkotest. Hier bitte blasen“ beschriftet ist. Und die damit Angesprochenen? Beeindruckt, vermutlich. Denn wer’s glaub oder nicht, bei 30 Grad konnte ich im Halbdunkeln vor mir im Moshpit Geschöpfe beobachten, die sich gegenseitig ihre französischen Zöpfe fotografierten, um gegebenenfalls Haarnadeln nachzustecken – für oben genannte Zielgruppe. Restliches Bling Bling oder Cosmopolitan-Modestrecken-Outfit natürlich inklusive. Überhaupt. Nach fünf Minuten Festivalgelände kam mir Adriane von Schirachs Ausspruch von den NarzisstInnen in den Sinn, die sich nur mehr wie glitzernde Diskokugeln um sich selbst drehen.
Möglicherweise bin ich schon so alt geworden, aber zu meiner Zeit (jawohl, zu meiner Zeit), da befußte sich noch keine Doppel-X-Chromosomenträgerin mit High Heels auf einem mehrtägigen Festival und übte mit einem Dekolleté, das kurz davor stand, sich in die Menge zu übergeben, pole-dance-artige Hüftbewegungen aus, weil das Steigen von einem Fuß auf den anderen mit hohen Absätzen auf schiefen Rasenflächen oder staubigem Asphalt halt so schwer geht. Zu meiner Zeit war der Streetwork-Klienten-Look absolut chic und auf den Boden spucken reichte, um sein Territorium zu markieren. Die spuckende Zunft gibt es zwar auch heute noch, Kurt Cobain wurde allerdings gegen ein Men’s Health Cover eingetauscht. Ist ja nichts Schlechtes dran, möchte man/frau meinen, wenn wir alle gerne schön sind. Bloß nur mehr dieses satte Orange-Braun, das jeden Inder förmlich erblassen lässt, diese wandelnden Tribal-Tatoos mit aufgespritzen Körperteilen und überall Öl, Öl, Öl…das macht mir Angst. Der neoliberale Körperkult verdrängt das Bild von dem was einmal Mensch war. (Oder Affe. Aber ich find Affen cool.)Da wundert mich nicht, dass 8-jährige Botox gespritzt bekommen und Pole-Dance-Stangen mit Spielgeld in der Kinderabteilung auftauchen. Become what magazines think it’s sexy…instead of getting educated….Der Weg zur Erotikmesse scheint da auch nicht mehr weit. Da war ich noch nicht. Nur am FKK-Strand. Am Schwarzl, wo eben auch das Urban Arts stattgefunden hat. Und da haben sich die urbanen Artisten dann plötzlich ganz anders gebärdet. Oben ölig, unten gschamig. Nix mehr mit Brustmuskeldance. Manisch auf dem Steg Luftmatratzen aufpumpend und zwischen den Brettern durch ins Wasser starren, weil die Stammgäste ihren schwerkräftigen Genitalstolz so schön der Sonne präsentieren. Z’Fleiß🙂 Und dann wie bekloppt über den Steg rennen, Saltos performen, den Platz versuchsweise bekleidet einnehmen, Bierkisten auf Luftmatratzen hieven, feststellen dass das physikalisch nicht ganz klappt, im Wasser Bier trinken und rauchen und den Anblick von sie umzingelndem nackten Fleisch kaum ertragen. Da wird das einzelne Körperhaar am großen Zeh schon zum politischen Statement. Schön, wie man/frau ghandi-gleich den nackten Widerstand gaffend vollziehen kann und der ölige Stolz der Brustmuskelzucker in deren Scham des eigenen Perfektionsanspruchs zwischen so viel gesundem SelbstBEWUSSTsein zerinnt. Jeanne d’Arc-gleich nehm ich die breitbeinige Kampfposition meiner FKK-GefährtInnen ein und genieße das blanke Ensetzen auf den grünspanigen Gesichtern; denn ich bin eine Abtrünnige, die einzige „Frau“ unter 40 auf diesem Schlachtfeld. Und ich habe gesiegt. Der Feind zieht ab.

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