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Polyamory und die Liebe zu den drei Orangen

polyamorie

Warum Paare sich paaren „dürfen“ ist ja wohl klar. Warum sich Menschen, die sich einfach „nur“ liebhaben weil sie beste FreundInnen sind aber nicht in den Armen halten sollen und mudln was das Zeug hält, ohne dass das ganze einen sexuellen Touch erhält, bleibt für mich ein Rätsel. Einzige Ausnahme: Ein Teil des Kuschelknäuels heult den Weltuntergang herbei, aber selbst dafür müssten beide Frauen sein, damit am Ende nicht die dramaturgische Sexszene folgt. Und sonst kommen wir in unserer heteronormativen Weltanschauung ja sowieso ganz durcheinander, wenn wir Homosexualität da auch noch in das kleine Gedankenspiel miteinbeziehen. Kuscheln also nur für Paare, mit Kindern bestimmten Alters und bitte auf das Geschlecht achten. Im Zweifelsfall nachfragen.

Seit ein paar Wochen geistert ein literatischer Text (der noch nicht abgetippt ist) in meinem Kopf über die Frauen in meinem Leben, in die ich mich auf den ersten Blick verliebt hab, ohne da jetzt irgendwas Sexuelles damit zu meinen. Ich würde sie bloß alle samt in Grund und Boden mudln, weil mir bei ihnen so das Herz aufgeht. Eine kenn ich nur digital, aber bald auch in echt, andere wiederum in echt ganz gut aber derzeit kommunizieren wir nur digital weil in der Ferne. Das ist aber auch egal, denn die Liebe auf den ersten Blick fängt bei mir vor allem dort an, wo ich sagenhafte Gemeinsamkeiten sind, die ich so toll finde, dass ich stundenlang nur verzückt vor mich hingrinsen und Glücks-Gluckser von mir geben kann. Und ist es nicht das, warum man/frau sich schließlich in jemanden verliebt und paarsam sein mag, weil einfach diese gleichen Interessen da sind und man/frau mit 17 zum Beispiel den Tafeldienst in derselben Woche hat? Ohne Scheiß. Als Teenager suchen wir doch wie verrückt nach den Omen für die immerwährende Liebe. Schon als ich 7 war ging mir das Herz auf, als mein Angebeter der Kleinste in der Klasse war – und damit mein männliches Pendant- und wir dann nebeneinander bei der Erstkommunion den Zug anführen durften. Oder jetzt, wo ich mich freue, dass Ronja Räubertochters Birk ganz zufällig rote Locken hatte. Das muss doch Schicksal sein, oder nicht?😉 Und warum sollte man/frau die Begeisterung für solch karmische Gemeinsamkeiten nur mit denen auf der anderen Seite des Bettes teilen. Warum sagen bloß US-Amis in Filmen dauernd „I love you“ aber uns hier bleibt es im Hals stecken?

In der aktuellen „Libelle“ ist ein Artikel über Polyarmory zu finden und die Autorin meint, dass bei der Liebe zu vielen nicht unbedingt sexuelle Beziehungen gemeint sein müssen, sondern auch platonische Lieben durchaus als Beziehungen gelten. Überhaupt, nur weil Durex alljährlich die Statistik der Nationen veröffentlicht, die es am öftesten und am wildesten treiben, heißt das ja noch lang nicht, dass dies für alle Menschen das Nonplusultra sein muss. Manch innige Beziehung ist vielleicht gar nur möglich, weil zwei sich nicht regelmäßig nackig machen und dann durch die Laken robben, sondern weil sie sich voll der Zwischenmenschlichkeit hingeben, morgens um vier betrunken den Weltuntergang ins Telefon schluchzen und für die gemeinsam zusammengestellte Urlaubs-CD, deren Playlist in anderem Kontext von der Mehrheitsgesellschaft als das blanke Grauen identifiziert wird, einen Altar aufstellen würden; so heilig sind ihnen die verbundenen Erinnerungen damit.

Ich kann mich glücklich schätzen, dass es in meinem Leben so eine Frau gibt, die mein Herz höher schlagen lässt, mit der ich den Urlaub meines Lebens verbracht habe, bei dem so viel Serotonin ausgeschüttet wurde, dass wir uns beide eine Woche danach noch immer fast nicht beruhigen konnten vor lauter Liebes-Lachtaumel. Die vollendete Glückseeligkeit. Und zwar gerade weil wir kein Paar sind.

Und dann Elfriede Jelinek spielt Gameboy. Bei jer Kurzgeschichte ging mir das Herz weiter auf und ich hab gedacht: Ich muss diese Frau kennenlernen, die das geschrieben hat, das ist ja unglaublich, die denkt mir ja aus dem Kopf, die fühlt mir ja aus dem Bauch! Und da ist es ganz egal ob sie meine Schmetterlinge in der Magengrube erwidert oder nicht, denn Liebe gibt, sie fordert nicht. Das ist auch der Punkt im Libellen-Artikel über Polyamory. Negative Treue wird dort genannt, wenn zwei sich vor allem darauf konzentrieren, dass bestimmte Dinge nicht passieren. Denn dann ist Schluss mit der Liebe. Abpfiff. Die positive Treue hingegen konzentriere sich auf die Gemeinsamkeiten zwischen zwei Personen und das was man/frau miteinander eben habe – unabhängig von Nicht-Übereinstimmungen. Ich entscheide quasi selbst, was ich der Person, die ich liebe geben möchte, und nicht umgekehrt entscheidet die andre Person, was ich darf. In der Praxis heißt das vermutlich sehr viel ausreden. Die Eifersucht ist schließlich schneller da, als einer/m lieb ist. Allerdings gilt das natürlich auch für innige Freundschaften. Bloß, Menschen sind einfach individuell, haben viele Interessen. Dass eine Person alles abdecken kann, ist nahezu unmöglich und wenn doch, halte ich das weniger für ein Glück.Denn das Leben nimmt doch oft mal unvorhergesehen Wege. Umso schöner, wenn ich mehrere Personen habe, die ich gerne in die Arme schließe, weil ich sie einfach von ganzem Herzen liebe. Um so schöner, von mehreren geliebt zu werden.

Die Sache mit dem Job bzw. derselben Arbeitsstelle, die man/frau bis zur Pension besetzt ist mittlerweile nahezu obsolet. Bei einer Scheidungsrate von 50 %…naja…ist es in der Beziehung auch schwierig, wenn man/frau nur auf eine Karte setzt. Freundschaften und zwar richtige, oder nennen wir es jetzt einfach mal die Liebe zu vielen Menschen ganz wurscht wie man/frau das dann schließlich gestaltet, können allerdings ein größeres Auffangnetz in allen Lebenslagen bieten. Und was wird aus all den Händchen-haltenden 14jährigen Mädchen, die freudig auf- und abspringen wenn sie sich sehen? In meiner Arbeit erlebe ich vor allem Mitte 40-jährige Frauen die komplett isoliert sind, die gerade mal zum Pilateskurs außer Haus gehen aber enge Freundschaften pflegen sie nicht. Die Kinder, der Mann…die Hausarbeit. Ein bisschen Serotonin könnte aber gut tun. Ein bisschen Frauensolidarität auch. Wo Männer Netze und Seile knüpfen, sitzen Frauen leider oft schmollend im Bügelzimmer anstatt sich der digitalen Kommunikation zu bedienen, wenn schon Haushalt, wenn schon Kinder. Ist ja nicht so, dass ich kein Berufsleben hätte. Aber wo Liebe, da ein Telefon oder Mailaccount. Und somit widme ich meine Worte hier einer ganz besonderen Frau, die gerade auf über 3- oder 4?000 m in den peruanischen Bergen Kindern Aufwind gibt. In diesem Sinne: liebet eure Nächsten.

In Peru übrigens, begrüßt man/frau sich mit einer Umarmung. Und auf Spanisch heißt die „bessere Hälfte“: mi media naranja.

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