bildgewaltig/frauenzimmer

Reden wir drüber…Missbrauch

„Ein Bild heiligt die Mittel“ – hat mir dir Sprichwortgenerator ausgespuckt. Denk ich mir auch wenn ich die Missbrauchskampagne von Mörth & Mörth anschau. Die Kampagne selbst heißt „ich tu was“.  Bloß wenn ich die Plakate so hängen seh, frag ich mich: was tu ich? Drüber fahren? Ich versteh das voll und ganz, dass so ein Thema aufregt, der Fall Cain, wie die Werbeagentur auf ihrem Blog und auf der Facebook-Seite schreiben, hat sie darauf gebracht. Versteh ich. Ich kann auch absolut nachvollziehen, dass sich viele Menschen angesichts der hohen Statistik hilflos fühlen, wenn was passiert, noch mehr, wenns einem geliebten Menschen passiert. Mörth & Mörth möchten gerne 50 000 Facebook UnterstützerInnen (symbolisch für die 200 000 missbraucht und misshandelten Kinder) bis Sommerende, die „drüber reden und im Ernstfall richtig handeln„. Ja was denn? Ach so, nicht wie die KommentatorInnen auf HCs facebook Seite gleich den nächsten Kinderschänder am nächsten Baum aufhängen – nein, beim Kinderschutzzentrum anrufen. Diese Option ist – wie vielen social media – Plattformen zu entnehmen – noch relativ unbekannt.

Ich verstehe all diese Emotionen, die Wut, die Hilflosigkeit, die mit dem Thema hochkommen. Ehrlich. Nur eines versteh ich nicht. Warum „wir“ DRÜBER reden. Die Stimmen der Überlebenden einfach ÜBERschreiben. Denn wer sich jetzt fragt, wer denn die Überlebenden sind, sollte vielleicht einmal die eigenen Schueklappen abnehmen. Die Überlebenden sind eine von 4 Frauen, ein von 7 Männern, die uns tagtäglich begegnen, und die „es“ überlebt haben. Und das ist nicht leicht. Die noch da sind. Die sich auf verschiedenste Weise ihrem Trauma stellen. Auch wenn andere ihr Möglichstes getan haben, um einen Teil von ihnen auszuradieren. Aber sie sind da. Und jede/r von uns kennt mit 100%iger Wahrscheinlichkeit mindestens eine/n. Mindestens. Allein bei den Hunderten von facebook-friends die wir alle unser eigen nennen. Aber wir reden nicht mit ihnen, sondern über sie. Wie furchtbar das ist, diese armen Opfer. Kann man/frau das jetzt überhaupt noch sagen? Jetzt, wo auf den Bussitz „du opfa“ gekritzelt ist, und wo die 13-jährige schräg gegenüber im Zug zu ihrer Freundin sagt „ich bin echt voll das Opfa, i kenn mi da voll net aus.“ Sollen wir jetzt Sido, Bushido oder Frauenarzt am nächsten Baum aufhängen, weil sie unseren Kindern und Jugendlichen die Sprache zu verhunzt haben und den Überlebenden ein Recht auf dieses Wort für den Tatbestand nehmen?
Auf einem Papiersackerl, das ich letztens beim Moser bekommen hab, standen viele lustige Dinge drauf. „Sex, Drugs & Comic Sans“ (insider für Computermenschen). „Mode-Opfer“ auch. WTF?
Nun gut, die Überlebenden sind unter uns. Auch wenn wir sie nicht hören wollen. „Die Kampusch soll die Goschn halten“ ist kein seltener Satz auf HCs facebook-Seite in diversen Diskussionen zum Thema. Nicht von HC selbst. Nein. Aber innerhalb seiner Fans kursiert mit beängstigender Häufigkeit die Aussage: „Die is ja nur mediengeil“. Da haben wir es, das Problem mit den Überlebenden von Misshandlungen, die sollen nämlich schön in ihrer Opferrolle bleiben und keinen Mucks machen, schön uns mit den schmutzigen Details füttern, damit wir uns an ihrem Leid weiden können und wie furchtbar die Welt ist, und dann bitte wieder in der ewigen Finsternis verschwinden. So wie die Fritzlkinder (paraphrasiert nach HCs facebook Seite – und da sind sich ebenfalls viele einig, denn die sind ja dann nicht dauernd in den Medien aufgetreten, deshalb kann der Kampusch ja gar nix Gröberes passiert sein, sogar Schifahren war sie….- bingo, wieder HC-Fans am Werk).

Ich bin keine Überlebende. Aber ich frage mich schon, wie sich eine/r fühlt, der/die sich dann symbolisiert als überfahrene/tote Kinderleiche auf einem Plakat sieht. Also als ein richtiges Opfer. Mit einer Missen-Schleife. So sehen mich also Mörth & Mörth, würd ich mir denken. Ich werd auf ewig dieses Schleiferl tragen und anonym bleiben. Denn die Statistik sagt zwar, das wir viele sind, aber kennen tut uns niemand. Damit geht man/frau ja auch nicht hausieren (siehe O-Töne im vorigen Absatz). Aso? Warum nicht? Muss ich mich dafür schämen? Hab ich, als missbrauchtes, misshandeltes Kind etwas falsch gemacht?? – Scham, einer der Hauptgründe warum z.B. einer von 7 Jungen nicht sagt, was der Papa, Onkel, große Bruder, Nachbar, Freund vom Papa, die Mama mit ihm gemacht hat. Indianer kennen keinen Schmerz. Seelischen sowieso nicht. Männer sind ja nicht emotional. Sind doch keine Heulsusen. Mädchen werden missbraucht. Die haben ja auch immer so kurze Röckchen an. Wie auf dem Plakat von Mörth & Mörth. Und da steht ja auch, die Mädchen werden missbraucht, die Jungs werden misshandelt. Also physisch. Also geschlagen. Aber eine gsunde Tetschn wie ein Uwe Scheuch von sich gegeben hat, macht ja nix oder? Was regen sich überhaupt alle so auf? Und ich, worüber reg ich mich eigentlich so auf?

Vielleicht über diese Opfer-Rethorik, mit denen Menschen ein Stempel aufgedrückt wird, aber ihnen kein Mikrophon zum Sprechen gereicht wird; über das Wortspiel „Miss braucht“ und „Miss handelt“, das so schön die Welt in passiv und aktiv, also weiblich und männlich teilt, indem es auch noch optisch durch Leerzeichen hervorgehoben wird, über die Querverbindungen zu male gaze und das Keine-Stimme-Haben von afrikanischen Menschen auf Spendenplakaten; über die nicht erfolgte Rechnung a la: 20 Kinder á 10 Mädchen, 10 Jungs = 3 missbrauchte Kinder = 3 TäterInnen, die wir sicherlich ebenfalls in unserem Umfeld finden (und auch wenn auf eine/n Täter/in mehrere Opfer kommen mögen, so kommt leider ein Opfer in seinem/ihrem Leben meist mit mehreren TäterInnen in Berührung – also könnte die Daumen mal Pi -Rechnung so stimmen); über den nicht ermöglichten Blick von Überlebenden auf TäterInnen reg ich mich auch auf; über das nicht erfolgte Ansprechen von TäterInn und solchen die Wegschauen auf Plakaten. Project Unbreakable ist da ein gutes Beispiel. Initiatorin Grace Brown hat wirklich Großartiges getan, ohne DRÜBER zu reden. Sie lässt jenen Raum, die wirklich etwas zu sagen haben (die Fotos ringsum stammen von ihr).

Würde ich eine Werbekampagne zur Sensibilisierung bzgl. sexueller Gewalt machen, dann würd ich Personen allen Alters Schilder in die Hand drücken auf denen Sätze stehen wie: „Würdest du es deinen FreundInnen erzählen, was du mit deiner 6-jährigen Tochter machst?“ oder „Wie oft kannst du noch wegschauen, wenn du mich mit ihm alleine lässt?“ – Das wär dann auch provokant. Mindestens so provokant wie Mörth & Mörth meinen zu sein. Und ganz ohne pink und blau, damit jeder D… versteht, wer missbraucht und wer misshandelt wurde…was egal sein sollte. Denn Überlebende sind in erster Linie Menschen, die Respekt verdienen, wie alle andren auch. Denen eine Stimme zu steht, anstatt einer Schublade.

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