bildgewaltig/frauenzimmer

Fotografieren für den Seelenfrieden…nur wie?

seelenfriedenZwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust – sagt Faust. Wären’s ach nur zwei, hätt ich längst schon hier geschrieben. Die Wissenschaft hält mich im Zaum, die Poesie in aller Stille fest, das Buch sitzt mir im Nacken, und dazwischen purzeln tausend Ideen für Blogeinträge und Briefe aus meinem Kopf. Ja, Briefe…vor allem in die Vergangenheit. Aber dazu ein ander mal.

Ich habe mir vorgenommen, meine Seelen langsam abzuarbeiten; nicht zuletzt weil mit der Kulturgeschichte der Empfängnisverhütung eine der spannendsten und berichtenswertesten Lehrveranstaltungen im Juni ansteht. Den Anfang macht heute…trommelwirbel…die Fotografin in mir. Grund: Marc Lagrange ist in der Stadt bzw. seine Ausstellung. – Ich muss zugeben, ich weiß nichts über ihn. Aber hierfür ist das auch egal. Etwas hat mich gestört an den Bildern. Nein, bei der Austellung war ich noch nicht. Sie üben einen seltsamen Reiz auf mich aus. Sie hat schon was, seine Art zu fotografieren, seine Art, Bilder zu schaffen. Und gleichzeitig irritiert sie mich. Und erinnert mich..

…an die so eben fertiggestellte Seminararbeit über Bildanalyse und male gaze. Der male gaze (männliche Blick) ist ein feministischer Terminus (nona🙂 ), den Laura Mulvey in den 70ern geprägt hat, als sie sich mit der Blickrichtung des Kinopublikums näher beschäftigte. Es geht darum, dass wir ZuschauerInnen automatisch aus der Sicht eines weißen Mittelklasse Mannes mit bestimmten Konventionen eben „zuschauen“, bzw. eine Geschichte in Bildern auch aus dieser Perspektive erzählt wird. Gängige Rollenklischees und Ideologien (z.B. Heilige vs. Hure) inklusive. Gleichzeitig ist nach Mulvey auch der Mann der Träger des Blickes (Bearer of the Look) und damit der aktive Part bzw. das Subjekt, und die Frau wird Objekt. Auch wenn Frauen sich aus der männlichen Sicht heraus sehen,  beurteilen sie sich aus diesem Schema heraus. = „Schaut sie gut aus? Für einen Mann begehrenswert?“ – Und ja klar, welch Überraschung, es geht dabei immer um heterosexuelles Begehren = Stehen eure MechanikerInnen auch so da?heteronormativ; der Mann ist der Oberchecker, die Frau das lasziv drabierte Weibchen. Horrorfilme sind ein Paradebeispiel dafür. Die Kameraperspektive ist fast immer jene des (männlichen) Mörders. Die halbnackte Sünderin wird aufge…naja, den Rest kennen wir ja. Blair Witch Project scheint dahingehend schon wieder spannender.
In unserer Seminararbeit haben wir jedenfalls zu Darstellung des male gaze ein Werbebild von pepe jeans analysiert. Wir = ich und ein männlicher Studienkollege (es gibt mehrere Männer in meinem Studium. Nein, heterosexuell. Alle mit Bartwuchs.😛 ). Und an so nem Bild sieht man ganz schön: die Männer machen irgendwas, sind einfach cool und lässig. Sie ist sexy und starrt uns, die BetrachterInnen an. Soll heißen: die Männer und BetrachterInnen als handelnde Subjekte, die Frau als betrachtetes Objekt und immer ein bissl sexy. Und in Pose halt. Als Betrachterin identifizier ich mich mit ihr (lt. Mulvey), und checke ab, wie sie auf die Männer wirkt – und wie ich wirken könnte, in diesen Jeans beispielsweise. Das ist jetzt sehr verkürzt, aber Frau Mulvey lässt sich auch googeln.😉 Hier ein paar Bildchen zum Schauen. Das rechts, wurde von uns analysiert.

Unser Analysebild

Und dann versucht mal den Blick um zu drehen und schaut euch das hier mal näher an…

Irritierend oder? Plötzlich werden unsere Sehgewohnheiten durchbrochen.

Und dann Marc Lagrange. Auch diese Ästhetik. Also die mit dem male gaze. Und noch ein bisschen mehr. Die Listhalle und die Inszenierung mit dieser nackten Frau auf der Halle lässt mich irgendwie schaudern. Da kommen sehr sehr unschöne Mediennachrichten in mir hoch. Und beim durchklicken seiner Fotos: Objekte. Schön anzusehen. Aber Objekte. Und dann merk ich plötzlich wieder, warum ich so ein Problem damit hab, Personen zu fotografieren. Ich kann das nicht mit diesen Shootings, und ich mag auch selbst nicht dieses micht Verbiegen, dieses Posen. Es gab mal eine Zeit, da stand ich gern auf dem Podest, in „braver“ patriarchaler Tradition. Und klar, die Teufelshörner zum Krampus und zu Fasching inkl. verführerischem Lächeln gehörten da dazu. Hat auch gewirkt. Natürlich. Aber jetzt, jetzt kommt mir das komisch und aufgesetzt vor. Ein Minirock fühlt sich plötzlich nicht mehr selbstbestimmt an. Schon gar nicht mit High Heels. Aber mit knallbunten oder Ringel-Strümpfen. Was sagt uns das?

Und dann wieder Marc Lagrange und ich sehe noch etwas anderes in seinen Bildern. Dieses sich Hinstellen und Objekt-Sein erinnert mich an etwas anderes: Postkarten aus der Kolonialzeit. Klassische Ethnografie. Die Bilder von irgendwelchen fremden Völkern, IndianerInnen, InsulanerInnen, schön aufgereiht, wie andere wissenschaftliche Artefakte. Und vielleicht noch ein Busenbild mit der nackten exotischen Schönheit, Blume im Haar nicht vergessen.

Soweit die (post)koloniale Bildtradition. Dann Lagrange…

Wie ein anderer männlicher Studienkollege diese Woche schon gesagt hat: Ich unterstelle ihm (Lagrange in diesem Fall) die besten Absichten. Und vom technischen Standpunkt her – keine Frage. Aber irgendwie lösen die Bilder Unbehagen in mir aus. Und ich sehe nur mehr zu betrachtende Objekte vor mir.

Koloniale Bildtradition würg Natürlich, es hat was. Klar, ich sitze ja auf Seiten der Mächtigen, der Bildmächtigen. Aber produzieren würd ichs selber nicht wollen. Und dann hab ich’s aber doch. Vor zwei Jahren in Peru. Natürlich wollte ich die süßen kleinen Kinder fotografieren. Nur hatte ich nicht damit gerechnet, dass egal was ich versuchte, sie sich entweder in koloniale oder Model-Pose warfen.

Tja, was macht jetzt die Fotografin in mir? Warten. Kommt Zeit. Kommt Bild. Und Subjekt. Ohne male gaze. Hoffentlich.

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