frauenzimmer

Rapunzel, lass das Haar herunter – oder: Beware of the hair!

rapunzel2So, dieser Eintrag erfordert echt Mut. Morgen habe ich einen Termin beim Frauenarzt. Nein, das ist noch nicht das Mutige. Spannungspause. Ich habe beschlossen: ich werde mir für diesen Termin die Beine nicht rasieren. Totenstille. Entsetzen bei der Generation unter 30. Und nach Einschätzung anderer hätte ich es vermutlich bitter nötig. Noch mehr Entsetzen. Ja, das muss man/frau erst mal sitzen lassen.
Ganz ehrlich: ich bin scheißnervös. Es wird sich vermutlich extrem peinlich anfühlen. Aber ich fasse all meinen Mut zusammen. Ich werde es schaffen.  Aber warum dieser Sinneswandel?

Grad eben saß ich in einer Lehrveranstaltung zur Methoden der Geschlechterforschung. Wir haben die Bravo durchgeblättert. Die einen über 30 waren entsetzt über die rosanen, rasierten Fleischkörper. Die unter 30 blickten betreten über ihr Nicht-Entsetzen auf die Seite. So ist das mit den Haaren. Vor wenigen Generationen war noch „Mein Bauch gehört mir“ (Thema Abtreibung) der große Slogan. Heute würde frau mit „Mein Körperfett gehört mir“ oder „Meine Körperbehaarung gehört mir“ eine große Medienwelle in Zeiten des Anal-Bleachings lostreten. Für alle, die noch nichts von den Errungenschaften der Genitalchirurgie und des intim waxings gehört haben: ja, man kann sich auch das A…loch bleichen. Das machen auch unsre lieben Freunde und Freundinnen in der Pornoindustrie; oder warum sonst sind die so rosa wie kleine Ferkel?

Und den Feministinnen schreibt mann es ja auch zu. Wäh, igitt, die lassen sich die Achselhaare wachsen, die haben Haare auf den Beinen und auf den Zähnen sowieso. Mannsweiber eben.

Als ich vor einem Jahr meine lange Haarpracht fallen ließ, fing es an. Ich merkte ich sofort: headbangen war nicht mehr. Keine sexy Mähne durch die Luftwirbeln. Mehr wie Wasser aus dem Ohr schütteln. Die Headbang-Sexiness begraben.  Dann kamen die Beine. Mittlerweile frag ich mich vor der Yogastunde: Zahlt es sich aus, dass ich mir für das An- und Ausziehen meiner Turnhose in der Umkleide meine Beine rasiere? Eigentlich hätte ich was anderes zu tun. Was denken sich wohl die anderen….Ich versuche jetzt immer vor allen anderen zu kommen….
Warum der ganze Zirkus? Ich könnte doch einfach diesen kleinen Rasierer beim Duschen verwenden und ratz fatz. Oder mir für sündteures Geld brutal gleich alle Haare ausreissen lassen. Schönheit muss leiden….Bloß, dieses Studium…Das hat irgendwie gleich im ersten Semester damit angefangen mich dazu zu bringen, meinen Körper zu lieben und anders mit ihm umzugehen. Plötzlich frag ich mich, ob diese „Nuttenstiefel“ in meinem Schrank echt sein müssen und wie ich mich fühle, wenn ich sie anziehe. War doch früher keinen Gedanken wert. Aber bereits nach einiger Zeit des Studiums, gab es soo viele andere interessante Dinge zu tun, zu lesen, und zu arbeiten, als mir Gedanken über Haare auf meinen Zehen, Kalorien in meinem Frühstück und passende Handtaschen zu machen.

Natürlich lässt sich diese Diskussion über Ästhetik und Historik führen, über gesellschaftlichen Wandel und über unterschiedliche Kulturen. Und in der Bravo und im Porno gibts sowieso nur mehr mechanical animals, die rosa glatt poliert vor sich hinquiecken.
Meine erste Intention mir als jugendliche die Beine zu rasieren war allerdings: SCHAM. Alle anderen machen’s auch. Und wenn ich’s nicht tu, ist das hässlich. Ich bin dann eklig. Entschuldigung: Ist das die Kehrseite von der vielgelobten Ästhetik? Da ist ja mehr Streben weg vom Ekel als hin zur Schönheit. Die Motivation ist weniger Hygiene und Perfektion als Angst vor Zurückweisung. Und ich behaupte mal freiweg: Jede Single-Frau unter 30, die abends in eine Bar geht und sich mal „umschaut“und eventuell noch was „vor“ hat, würde unter KEINEN Umständen im unrasierten Zustand Sex haben wollen. Weil das ist ja voll…iiih. Ich habe allerdings festgestellt, dass bei zunehmender Lust dieses Faktum dem Gegenüber ziemlich wurscht ist. Und bei abnehmender Lust sollte man/frau sowieso keinen Sex haben.

Sich selbst zu lieben und anzunehmen, nichts verändern zu wollen und sich die Beine zu rasieren, wann frau Lust und Laune dazu hat, ist ein Luxus, den frau sich hart erarbeiten muss…in der heutigen Zeit (*hüstel*altklug). Und ja, ich habe manchmal Lust dazu, aber dann mach ich mir mein persönliches Fest daraus, weil ich es so will.

Nun gut. Ich werde also morgen bepelzt zum Frauenarzt marschieren und meine unrasierten Beine auf die dafür vorgesehenen Halterungen klatschen. Eines nach dem anderen. Wie bei Basic Instinct. Fast zumindest. Denn ich liebe meinen Körper. Und was sich mein Frauenarzt über meine Beine denkt, sollte mir doch herzlich egal sein. Dafür hat er seine Ausbildung nicht gemacht.
Und im Sommer lege ich mich dann wieder zu den FKK-Menschen am See. Wer sie kennt, weiß, dass sie nicht so „ästhetisch“ sind, wie die, die wir aus Magazinen und dem Fernsehen kennen. Aber sie sind echt. Echt rund, echt dünn, echt klein, echt groß und mit allem bestückt was an einem menschlichen Körper so möglich ist – ebenfalls in allen Formen und Größen. Alles andere wäre das Werk von Personal Trainer, Diät, sehr viel Sport oder Photoshop. Die FKKler sind allerdings echte Menschen, wie sie in der Natur sonst nur mehr selten vorkommen. Vermutlich lieben sie ihren Körper. Sie schämen sich zumindest nicht dafür. Und wahrscheinlich haben sie auch akzeptiert, dass wir in Wahrheit keine Plastikpuppen sondern dampfende, stinkende Schweineigel sind, wie Neon-Kolumnist Tillmann Prüfer schreibt.

In diesem Sinne: Ein Plädoyer auf echte Menschen, die zu sich und ihrem Körper stehen.
PS: Mein Partner liebt mich ebenfalls so wie ich bin, und ich ihn.

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