bildgewaltig

„…wie bei den Hottentotten“

– und der ganz normale Verdrängungsmechanismus

Aussstellung im Rahmen von "Prende la parole" Annenstraße Graz, 2013

Zwei Dinge sind es, die mich meist dazu veranlassen in die Tasten zu hauen: Wut und blankes Entsetzen. Freude und Zeit sind auch manchmal dabei, aber Entsetzen an sich bildet die Grundmotivation. Nicht dass es seit der Diagonale nicht genug Entrüstenswertes gegeben hätte…die Kürzungen des steirischen Sozialbudgets, die Feststellung, dass auch die Naturwissenschaften dermaßen lobby-geschädigt sind, dass 450 Tierarten mit homosexuellen Verhaltensweisen unter den Tisch fallen (darunter populäre Vertreter wie Löwen, Pinguine und Geparden), wie auch die Tatsache, dass Nemos Artgenossen ihr Geschlecht umwandeln und Väterkarenz im Tierreich auch nicht unüblich ist, tja das dass einfach verschwiegen wird – entrüstet mich schon ein wenig. Auch der von den Nazis im deutschen Sprachraum eingeführte Muttertag bietet allerlei „tastaturische“ Entfaltungsmöglichkeit. Aber endgültig das Fass zum Überlaufen brachte heute die Dokumentation „Weiße Geister“ von Martin Baer. Und damit wäre der Bogen vom Feminismus zur deutschen Rassenideologie ebenfalls gespannt.

„Ich kann sagen Schöckel im Hemd. Es gibt Begriffe die antirassistisch sind“ – steht auf einer Postkarte in unserer Küche.

Kennt ihr das? „Da schaut’s aus wie bei den Hottentotten“, „Wir haben XY bis zur Vergasung gemacht“. Schon mal drüber nachgedacht woher das kommt? Bei der Vergasung bleibt der Gedanke ja noch vielleicht im Neokortex stecken, aber bei den Hottentotten wirds schon schwierig. Da ist der deutsche Verdrängungsmechanismus doch meist etwas stärker. Dass Namibia einmal deutsche Kolonie war, wußte ich. Dass Deutschland in diesem Zusammenhang den ersten dezitierten Genozid vollzogen hat mit der systematischen Verteibung und Abschlachtung der Herero und Nama – wußte ich nicht.

30 Jahre dauerte die kurze Kolonialepoche Deutschlands an (1884 – 1914) – vermutlich auch deshalb gerne unter ferner liefen verbucht. Nur in einem Jahr schaffte das Deutsche Reich sich gleich vier Kolonien (Deutsch Südwest, Togo, Kamerun, Deutsch-Ostafrika) zu sichern und ein paar Südseeinseln. Das koloniale Territorium erreichte eine Größe sechsmal so groß wie Deutschland. Das heutige Namibia (Deutsch Südwest) war darunter das einzige, in dem eine explizite Siedlungspolitik betrieben wurde. Die erste Welle der Volkszerstörung – die wie in vielen anderen Fällen gerne übersehen wird – sind die tausenden Frauen, die als Sexsklavinnen der Soldaten und Farmer gehalten wurden und insgesamt ca. an die 35 000 Kinder gebaren. Diese lassen sich allerdings kaum übersehen – ihre Hautfarbe erzählt schließlich ihre eigene Geschichte…
Die zweite Welle der Demütigung im Landesinneren kam mit den „Anreizen“ für deutsche Frauen, nach Deutsch Südwest zu ziehen. So wurden eigens Schulen eingerichtet, um sie auf das Leben unter den „Wilden“ vorzubereiten; und es verwundert nicht wenig, dass gerade von weiblicher Seite eine besondere Überhöhung ihres Status aufgrund der Zugehörigkeit zur weißen Rasse folgte. Nach dem die Deutschen einen unprovozierten blutigen Rundumschlag gegen die lokale Bevölkerung startete, versuchten die Herero sich in einem wenig erfolgreichen Guerillakampf. Ihr Aufstand 1904 endete fatal in einem vierjährigen Krieg. Tausende wurden in die Wüste getrieben und verdursteten dort. Die unter deutscher Herrschaft gerechneten 80.000 – 90.000 Hereros wurden bis 1911 auf 15.130 dezimiert. Sie wurden gepeitscht, gefoltert und erschossen. Frauen, Männer, Kinder. Wer brauchbar war, wurde zwangstätowiert und in eines der ersten Konzentrationslager verschleppt. Verstarb eine/r aufgrund mangelnder Ernährung, wurde der wirtschaftliche Verlust der Arbeitskraft beklagt.

2004 waren es genau 100 Jahre seit dem Aufstand. Namibia ist seit 1990 unabhängig. Seitdem sind die Herero erstmals berechtigt Grund zu erwerben. Die Herero erwarten sich eine Entschuldigung der deutschen Regierung, Reparationszahlungen für die Kinder der vergewaltigten Mütter und natürlich eine weite Verbreitung der Wahrheit über den Völkermord. Ob dieser bislang Eingang in die Geschichtsbücher gefunden hat, wage ich zu bezweifeln. Die deutschen Touristen interessieren sich bislang kaum für den Grund warum viele schwarze Namibier Gottlieb oder Arnold heißen, und die Burschenschaftler verstehen auch überhaupt nicht, warum den weißen Farmern Land weggenommen werden soll. Zum 100 Jahre – Gedenktag gab es eine deutsche Gedenksbriefmarke…mit weißen Tauben…
(Quellen und Wissenswertes zum N+achlesen: GfbV1, GfbV2, iz3w 300 , iz3w 304, iz3w 276, baerfilm)

Wer glaubt, dies sei bereits der Gipfel – der/dem sei Sarah Baartman ans Herz gelegt, die stellvertretend für alle nicht der mitteleuropäisch-weißen Rasse Zugehörigen traurige Berühmtheit aufgrund ihrer Körperlichkeit erlangte. Wie viele andere Namenlose, die in kolonialen Völkerschauen wie Tiere herumgereicht wurden, bekam auch sie zweifelhafte Aufmerksamkeit aufgrund ihres Exotikstatus. Nach ihrem Tod wurde ein Körpergipsabdruck von Baartman in einem Pariser Museum ausgestellt – viele andere wurden einfach ausgestopft und anschließend in die Museumsvitrine verfrachtet. Zumindest Sarah Baartmans sterbliche Überreste gelangten nach einigem Nachdruck ins Herkunftsland und wurden dort feierlich bestattet.

Die Dokumentation „Weiße Geister“ jedenfalls – die ich mir dank einer Lehrveranstaltung zur Rezeption (Post-)kolonialer Literatur heute zu Gemüte führen durfte, kann ich aus zweierlei Gründen empfehlen. Erstens: Als Aufklärung über die andere Seite der Medaille. Und zweitens, weil sie mit filmischen Stilmitteln immer wieder sichtbar macht, dass es sich hier eben um eine Filmproduktion handelt und keine Inszenierung, die den 100%igen Anspruch auf Wahrheit erhebt, indem sie uns in die Illusion verfallen lässt, dass es genau so und nicht anders war. Martin Baer verknüpft dafür verschiedenste biografische Momente, spart sich selbst dabei auch nicht aus. Mit dem Schwenk auf das Mikrofon, die Kamera und die Kabel wird jedoch auch immer klar: Das hier ist nur ein Teil der Geschichte.

Und jener Teil, der mir persönlich fehlt, ist der der Frauen. Denn wie viele Dokus, ist auch diese eine von Männern gemachte und mit Männern erzählte; wenn überhaupt Frauen vorkommen, dann weil über sie gesprochen wird. Die sexualisierte Gewalt des Genozids verschwindet irgendwann im filmischen Gesamtleid der Herero. Kein Zufall. Auch an anderer Stelle wird sie kaum erwähnt. Wenn es um die Anklage von Kriegsverbrechen geht beispielsweise. Und doch lässt sie sich bis Troja zurückverfolgen. Unsichtbar bleibt sie trotzdem – wie ihre Opfer und Täter. Über die Funktion sexualisierter Kriegsgewalt habe ich übrigens im letzten Semester mit einer Kollegin eine Arbeit verfasst. Eine sehr gute🙂

Nun gut, so viel zur Aufklärung.

Und sollte jemand noch der Meinung sein „Zehn kleine Negerlein“ sei ein altes deutsches Kinderlied, der/m sei hiermit die Argumentationsgrundlange entzogen.

One thought on “„…wie bei den Hottentotten“

  1. Pingback: Von A wie Alice Schwarzer bis W wie Whore’s Glory | gut, ich werd dann mal … feministin

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s