bildgewaltig

Diagonale – 7 Projektionen später…

Kontrovers, kurios und ungewöhnlich könnte man die restlichen 5 Spielfilme und Dokumentationen zusammenfassen, die ich mir innerhalb von zwei Tagen marathonhaft einverleibt habe. Die vorletzte Vorstellung musste ich wegen verspätetem Beginn leider vor Ende verlassen und zum letzten Kinotermin laufen (ob der späten Stunde). Aufgrund fehlender Untertitel und einer etwas langatmigen Aufbereitung eines eigentlich interessanten Themas, bin ich schließlich bereits vor der Halbzeit im weichen Sessel eingenickt, und hab um Mitternacht beschlossen, dass ich die zweite Filmstunde genauso gut im eigenen Bett verbringen könnte.🙂 Aber nun gut. Das Fazit: Durchaus viele neue Erkenntnisse, gute Ideen, aber auch vieles zu überdenken – von Regisseuren ebenso, wie vom Publikum.

Empire me

Bis gestern wusste ich nicht, dass mitten in der Nordsee ein Fürstentum namens Princess ShirleySealand existiert, auf dem durchschnittlich 2 Menschen leben. Naja, es ist ja auch nur 10 km² groß. Auch Hutt River – eine Provinz auf dem Boden Australiens, ist mit 75 km² ein unabhängiges Fürstentum, das sich in die Sammlung der gar nicht so seltenen Mikronationen einreiht.
Paul Poet zeigt in Empire me sechs Lebensentwürfe für alternative Weltgestaltung. Der Orden der Eule im Fürstentum Hutt River, Pflanzenmusik in der Föderation Damanhur und die schwimmenden Schrottflöße von Serenissima machen einem Skurrilitätenkabinett alle Ehre. Der Freistaat Christiania, der vor 40 Jahren noch als Hippie-Paradies in Dänemarks Hauptstadt galt, wird mittlerweile – dem Anschein der Doku nach – mehr von Dealern und Obdachlosen bewohnt, als von einstigen Idealisten. Auch ZeGG (Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung) wirkt nach den Vaterlosen, nicht gerade als Alternative zum viel strapazierten Ruf nach der Auswanderung. Bei näherer Betrachtung klingen zwar alle Entwürfe kreativ, ambitioniert und vermutlich mit den besten Absichten. Aber je mehr von Freiheit gesprochen wird, desto begrenzter scheinen mir die Möglichkeiten der betreffenden Personen. Als gemeinsame Nenner kristallisiert sich jedoch der Wunsch nach Gemeinschaft, nach Familie heraus. Nach dem Ende der bäuerlichen Großfamilien-Ära (die diesem wörtlichen Idyll zwar nie entsprach), und dem ökonomisch profitablen Zeitalter der Kleinfamilie – kann ich diese Sehnsucht gut nachvollziehen.

Ab Herbst übrigens im Kino!

Mörderschwestern

Zum Nachdenken regte ebenfalls Peter Kerns „erster interaktiver“ Spielfilm an, der sogesehen eigentlich kein Spielfilm ist. In Wirklichkeit handelt es sich um die erstmalige direkte Aufforderung ans Publikum, doch nun endlich zuzugeben, wonach wir medial lechzen: Sex, Crime, Tragödien. Die Nachrichten sind voll davon, das Hauptabendprogramm meist ebenfalls. Und Youtube-Klicks zeigen nochmal deutlich, dass es nicht rein das Angebot, sondern auch die Nachfrage unserer Sensationsgeilheit ist. Man/Frau fühlt sich durch die direkten Aufforderungen der Hauptprotagonisten mittendrin und ziemlich auf die Pelle gerrückt. Als wären wir erwischt worden, wie wir rund um einen Verkehrsunfall stehen und schauen. Ziemlich unangenehm, zur Verantwortung gezogen zu werden. All jene Fans von Saturdaynight Fever auf ATV und ähnlichen Formaten, dürfen sich nun ertappt fühlen.

Adams Ende

Wir werden es nie erfahren, warum ich noch immer glaube, dass der Titel tatsächlich Adams Äpfel lautet. Adams Ende ist jedenfalls ein spannender Streifen mit Robert Stadlober (brilliant gespielt!) über verkappte Männerfreundschaften und Beziehungskrisen. Idyllisch von Beginn an, immer schräger, verworrener und erschreckender bis zum Schluss. Spannend, dass vieles offen bleibt. Der Genrewechsel im Film ist geglückt. Die unterschwellige Hommage an die Tatsache, dass homosexuelle Liebe nie sein kann/darf und darum tragisch enden muss, ist vom Regisseur nicht beabsichtigt (laut Interview nach der Vorführung), wurde allerdings von „betroffenen“ Personen im Publikum so aufgefasst. Und ich kanns gut nachvollziehen. In Zeiten der Gleichberechtigung sollten auch junge engagierte Drehbuchautoren ganz gut drauf aufpassen, bestimmte Beziehungsformen nicht als Extra-Würzmittel für ein ohnedies gutes Werk draufzupacken. Homosexualität ist eben (noch) kein filmisch zu verpackender Schnick-Schnack, der einfach naiv und unreflektiert instrumentalisiert werden kann. Ansonsten: guter Film. Und für alle zwischen 20 und 30: erschreckend lebensnah. Nicht nur, aber auch wegen der vielen Ikea-Möbel.

Schlusswort: Aufgrund des Soundtracks von Die Vaterlosen und Adams Ende: Rio Reiser wieder entdeckt!