bildgewaltig

Diagonale, die zweite: Das Erbe politischer Statements

Freitagmorgen saß ich noch in einer Besprechung, in der diskutiert wurde, wie wir unsere Teilnehmerinnen dazu anleiten können, politisch verantwortungsbewusste Akteurinnen zu werden. Schließlich ist alles politisch was wir tun. Nicht der Atomkraft-Nein Danke-Button auf dem Facebook-Profilbild allein, eher die Entscheidung, ob ich zum Pangasiusfilet im Tiefkühlfach greife oder zu den Tomaten aus Spanien – ist eine politische. Diesbezüglich sind doch viele von uns etwas denkfaul geworden. Wenn nicht gerade ein Atomkraftwerk das Meer radioaktiv verstrahlt, scheint es der Mehrheit relativ egal, dass die Ozeane schon lange zu einem Plastikfriedhof mutiert sind.

toskana015Und dann gibt es immer wieder Demos. Vielerorts belächelt – mein Eindruck –, als Hippietum der Linken abgetan, die besser mal was arbeiten sollten und überhaupt. Immer wieder taucht die Frage „was bringts?“ auf, und wirklich spektakulär ist das langsame Ingangsetzen  einer Masse Menschen auch nicht. Vermutlich gibt’s deshalb mittlerweile auf jeder Demo in Graz einen Diskobus!? Das ist nicht die Loveparade, aber ok. Immerhin, die Sache für die wir auf die Straße gehen ist ernst genug. So war ich doch sehr überrascht, ob des großen Andrangs auf der Demo gegen die Kürzung des Landesbudgets gestern Nachmittag. Ehrlich, ich hätte nicht damit gerechnet, dass so viele Menschen mitmarschieren, genau für diejenigen, die ohnehin nicht gerade populär sind in unserer Gesellschaft. Besonders Pflegebedürftige und Menschen mit Behinderung sind es, die in der Menge oft unsichtbar bleiben. Umso schöner, dass sie gestern sichtbar waren, mit ihren Familien, und mit den Menschen, die sich um sie auch beruflich kümmern. An die 10 000 sollen es gewesen sein. Und auch wenns ein paar weniger waren: es ist die größte Demonstration, die Graz je gesehen hat. Und damit ist nun hoffentlich wieder ein Zeitalter angebrochen, in dem Menschen sich nicht mehr nur mittreiben  und berieseln lassen, sondern wieder einmal Statements setzen.

Die Vaterlosen (aus der Komune)

Ein anderes politisches Statement eröffente meinen heutigen Diagonale-Marathon. Was mit Born in the year of the hare angefangen hatte, wurde mit den Vaterlosen fortgesetzt: Die Suche nach Antworten. Vier junge Menschen kehren aufgrund des Todes von Familienoberhaupt Hans zurück in das ländliche Wohnhaus einer Komune, in dem sie einige Jahre lang aufgewachsen sind. Alte Wunden brechen auf und schnell wir klar, dass Freiheit nicht gleichzeitig Geborgenheit bedeutet. Wer den Baader Meinhof Komplex kennt, hat schnell ein romantisiertes Bild vom Komunenleben und der freien Sexualität im Kopf. Spätestens Otto Mühl hat allerdings schon eindrücklich bewiesen, dass diese Idee auch nicht ganz das Gelbe vom Ei ist. Und auch Hans, der allmächtige WG-Vater aus dem Diagonale-Beitrag, schert sich in Wahrheit um nichts als sich selbst, und seine Ideologie von Freiheit drückt sich mehr in Verantwortungslosigkeit aus, als sie in neuen Konzepten besteht, die etwas mehr als Anti-Kapitalismus und Umweltfreundlichkeit anbieten. Trotzdem ist der Film keine 68er Entmystifizierung, und auch keine Dokumentation des skandalösen Komunenlebens. In Wahrheit ist „Die Vaterlosen“ ein Familienfilm – über die Beziehungsschwierigkeiten und Dramen die entstehen, wenn viele zwar insgeheim das Gleiche suchen, aber keiner es wagt es auszuleben. Im Endeffekt ist es nämlich das Kleinbürgerliche, das in jedem von uns siegt, wenn es um Sicherheitheit und Geborgenheit geht. Und das hat schon Otto Mühl bemerkt, dass das mit dem Verbieten von Pärchenbildung irgendwie nicht so recht klappt…

Übrigens: Kinostart am 8. April 2011