bildgewaltig

Diagonale 2011: Hardcore emotions

„Kontrovers und weiblich“ lautet die Devise des österreichischen Filmfestivals für dieses Jahr. Bislang bin ich noch bei kontrovers. Zwei Hardcore-Kinotage stehen auf meinem Progamm. Gestern hab ich bereits 3 Projektionen hinter mich gebracht, vier folgen noch. Hardcore und kontrovers sind bis jetzt die besten Überschriften für das Erlebte/Gesehene.

Born in the Year of the Hare

pnom penIch lass mich bei Filmen ja gern (wie beim Kauf von Büchern auch) von Titeln und Grafiken leiten. – Ich weiß – Schande über mich. – Jedenfalls dachte ich ob des Namens an was Asiatisches, Tibet vielleicht. Auf dem Foto war ein buddhistischer Mönch zu sehen, bei der Beschreibung stand was von kambodschanischer Familie, Rote Khmer, Flucht bla bla. Dokumentarfilm hatte ich wohl überlesen. – Um es gelinde zu sagen…und oben drein sehr euphemistisch: Ich war überrascht. 2009 habe ich einige Tage in Kambodscha verbracht und dabei mehr als Zufall, denn ich wusste nicht gerade viel über die Vergangenheit des Landes, bin ich in Phnom Penh gelandet und hatte dort den emotional schlimmsten Tag meines Lebens. An einem Tag klatschten mir die geballte Armut, das Leid und der Schrecken des Pol Pot-Regimes in den Killing Fields und dem Völkermordmuseum Tuol Sleng mit brachialer Gewalt ins Gesicht. Damals war ich kaum fähig unter Tags auch nur ein Wort zu sprechen. Ein Flyer von den Kindern, die auf dem City Dump lebten – so wie in Slumdog Millionaire – gab mir den Rest. Dementsprechend nahmen mich entsprechende Filmszenen auch heute mit.

Der zweite Hardcore-Aspekt ist die Geschichte von Thairet, die mit dem Dokumentarfilm erzählt wird. In Thailand in einem Flüchtlingslager von kambodschanischen Eltern geboren, von einer französischen Familie adoptiert, die ihm zwar eine gute Ausbildung aber psychisch mehr geschadet hat als alles andere, landet er irgendwann in Norwegen. Kein Geburtsdatum, keine Wurzeln, keine Zugehörigkeit. Seine Eltern und jüngeren Geschwister leben in Wien. Sie sprechen Khmer und Deutsch, er Englisch und Französisch. Mit Anti-Depressiva hält er sich über Wasser, Computer-Spiele scheinen noch das einzige zu sein, bei dem er sich lebendig fühlt. In Norwegen rennt er ständig gegen Behörden an, wird wegen seines Aussehens diskriminiert und lebt immer wieder auf der Straße. Sein Leben verbringt er großteils in Warteräumen auf Bahnhöfen. Schonungslos ehrlich, Tiefgang, Resignation, Verzweiflung. So IST Born in the year of the hare. So lauten die Eckpfeiler aus Thairets Leben. Noch bedrückender: Es hat sich nichts geändert, nichts verbessert – seit dem Film. Der Protagonist Thairet wurde extra für die Uraufführung aus Norwegen eingeflogen, wo er nach wie vor festsitzt. Bisher gab es immer nur Neuauflagen derselben Abwärtsspirale in seinem Leben. Noch immer fehlt das Gefühl einer Zugehörigkeit. Das Publikum scheint bei den Fragen nach der Vorführung krampfhaft nach positiven Grashalmen zu suchen, an die sie sich klammern können. Doch auch mit der Reise nach Kambodscha hat sich nicht wirklich viel daran geändert, dass er nirgends dazugehört.

Das ist ungewohnt fürs Publikum. Schließlich wünschen sich ja alle immer ein Happy End. Und beim filmischen Vergleich Kambodscha mit Europa, denkt man sich doch: Eigentlich müsste es ihm hier ja viel besser gehen. Tut es aber nicht. Und damit ist er nicht allein. Thairets Schicksal ist nur eines von vielen, das sich einreiht in die Geschichten jener, die in Österreich geboren und dennoch nicht niemals dazugehören werden/dürfen. Arigona ist nur ein Name, der mir spontan dazu einfällt…