frauenzimmer

Jetzt geht’s ans Eingemachte: PORNO

02PornoHalb im digitalen Zeitalter aufgewachsen und aufgrund meiner Generation mit einem langsamen Internet-Modem und erst spät mit eigenem PC gesegnet, hab ich die PorNO – Kampagne von Alice Schwarzer ja nie wirklich ganz verstanden. Ich muss aber auch zugeben, ich hab mich nicht sonderlich dafür interessiert. Schließlich wuchs ich mit der absoluten Girl Power von Prinzessin Fantaghiro, Ronja Räubertochter und den Spice Girls auf… Ich fand die Tanzszenen aus Dirty Dancing – und jetzt mein ich die aus dem „Schuppen“ – mit 8 ziemlich genial, und träumte ständig davon Netzstrumpfhosen zu tragen. Heute frage ich mich, woher ich diese Bild hatte. Von meiner Mum jedenfalls nicht. Im ersten Sexfilm, den ich im vorpubertären Alter zu Gesicht bekam, waren alle lustig drauf, hatten Wuschelhaare an allen möglichen Stellen, hatten eine Menge Spaß und es gab sogar eine logische Handlung. Aufgrund des beschränkten Internetzugangs, hab ich erst mit 17 erfahren, dass frau sich heutzutage komplett rasiert. Komisch fand ich das immer. Da schau ich ja aus wie ein Kind, hab ich mir gedacht.

Wenn frau gender studies studiert – behaupte ich mal – wird sie zunehmend nachlässiger mit dem Rasieren von Körperbehaarung, schneidet sich die Haare ab und zieht sich (für das Umfeld vielleicht) komisch an. Vielleicht legt sie auch ein paar Kilo zu und rennt ohne BH rum. So der gängige Stereotyp. Äh naja. Da ist schon was dran… Letzten Samstag hab ich mir immerhin einen Bart zum Weggehen aufgemalt… Vielleicht liegt es auch daran, dass frau plötzlich checkt, dass sie sich nicht mehr diesem Wahn unterwerfen möchte. Nicht mehr Opfer einer gigantischen Industrie sein will.

Mittlerweile bin ich in Bezug auf Hard-Core  ja aufgeklärt und trotzdem laut NEON-Test gottseidank noch nicht so weit verkommen, dass ich in die Gruppe der Pornoopfer oder Trendficker falle, die alles krampfhaft nachahmen müssen, was sie auf youporn sehen. Trotzdem werd ich das Gefühl nicht los, dass meine und alle nachfolgenden Generationen in einem sexuellen Konkurrenzkampf stehen, der sich zwischen Kamasutra, Outdoor, Sexspielzeug und Anzahl der PartnerInnen insgesamt und während des Koitus abspielt. Ist das notwendig? Und muss ich Striptease und Pole-Dance beherrschen, um als emanzipierte Frau durchzugehen, die ihre Sexualität selbst bestimmt lebt?

Nur mal zum Nachdenken:

  • An diesem Plakat gehe ich jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit vorbei – und mit mir ca. 60 Kindergarten-Kinder bis 18-jährige.
  • Als ich heute über Google für die Arbeit ein Bild einer Haumeisterin suchte, wurde mir unter anderem ein Mosaik aus Porno-Bildern angezeigt, weil ich SafeSearch nur auf „mittel“ geschalten hatte.
  • Im letzten Neon hat mich dieses Bild ziemlich fasziniert – weil ich seit Jahren keine Schambehaarung mehr medial gesehen hatte. Die Schnittwunden sind mir erst später aufgefallen.
  • Meine Unimail-Adresse ist momentan von Spam befallen – man lasse sich die Betreffs mal auf der Zunge zergehen….
  • Auf Facebook erhielt ich vor kurzem einen Veranstaltungshinweis für ein Lokal in dem 2 DJs mit dem Künstlernamen „Double Penetration“ auftreten.
  • Der gar nicht mehr so neue Trend in der Schönheitsindustrie heißt: Schamlippenverkleinerung.
  • Und ein StudiVZ-Profil einer 15-jährigen mit einem Namen wie „Pink-Porno-Barbie“ oder geile Schlampe ist keine Seltenheit.
  • Rihanna, Xtina und Co werben damit =>
  • <=Das Designteam Quazi hiermit

  • Und der Herrenschneider Suitsupply BV damit=>
  • Und letztens fuhr ein LKW der Firma Geflügel Kicker vor mir mit diesem Sujet:
    Werbung für Geflügel

Mag es bei der Geflügelfirma noch ein „netter“ Busen sein, mit dem vielleicht argumentiert wird, so ebnet dieser doch die Wahrnehmung dafür, dass auch alles andre als „normal“ empfunden wird. Wir stecken mitten drin, in der Pornografisierung unserer Gesellschaft. Diskussionen über sexuelle Verwahrlosung sind nicht neu. Und sicherlich trifft nicht alles auf alle zu. Trotzdem.

  • Warum erzählt mir eine Mitarbeiterin einer Grazer Mädchenberatungsstelle vor 2 Jahren, dass 13-jähre Mädchen SMS-Einladungen zu Gangbangs erhalten?
  • Warum erzählt mir eine Weizer Hauptschullehrerin, das WCs zugesperrt werden müssen, damit die Kinder nicht während der Stunden auf die Toilette verschwinden um Sex zu haben – und warum müssen Handys abgesammelt werden, damit sich keiner während der Stunde einen Porno drauf anguckt?
  • Warum erhalte ich Spam-Mails mit Hinweisen auf Frauen, die Oralverkehr mit Pferden haben??? – Wird in den Niederlanden übrigens verboten. Wegen dem Tierschutz…

Das kann mir doch niemand erzählen, dass das wer freiwillig macht. Warum ist das was früher Hardcore war – also gesichtsloses Aneinanderklatschen von Genitalien – schon Mainstream und für jeden absolut frei zugänglich? Und warum ist aktueller Hard-Core überhaupt nur mehr SM, Gangbang und Demütigung? Warum leidet ein Drittel aller 11 – 17jährigen Mädchen 2007 in Deutschland bereits an Bulimie oder Magersucht – und eifert einem Körperbild nach, dass nur mit Hungern und plastischer Chirurgie erreichbar ist?

In den USA betreibt die Pornobranche 4,2 Millionen Websites und produziert jährlich 15 000 neue Filme = 96 Millionen Dollar Umsatz. Dafür wird die Gewaltspirale ordentlich angedreht: Die 50 populärsten Pornofime in den USA zeigen in 88 % der Szenen körperliche Gewalt und in 48 % verbale Gewalt gegen Frauen.  Die sexuellen Gewalttaten von Jungen unter 18 haben sich in den letzten Jahren verdoppelt, die von Kindern verdreifacht. Und das hat jetzt nichts mit berufstätigen Müttern zu tun, sondern mit einem Nachahmen von typischer und allgegenwärtiger Pornografie.

Woher soll denn ein 16jähriger wissen, der seit Jahren Gangbangs online guckt – ohne davor jemals seine eigene Sexualität entdeckt zu haben – dass das nicht die Realität ist? Das Frauen nicht darauf stehen, wie Dreck behandelt zu werden und nicht einfach aus ein paar Löchern bestehen, die man wahllos zur Befriedigung benutzten kann? Ja, da kann die Schule und das Elternhaus auch nichts machen. Denn die Generation vor uns hat wenig Ahnung, was im Internet wirklich abgeht. Und dass Aussagen wie „Du Nutte“ und „oida, i fick di“ zum alltäglichen Sprachgebrauch von Jugendlichen gehören, weiß ich nicht erst seit ich morgens den Bus mit SchülerInnen allen Alters teile. Das kommt nicht aus dem Nichts.

„Pornografie ist nicht Nackheit. Pornografie ist nicht die Darstellung von Sexualität. Pornografie ist nicht Erotik. Pornografie ist die Sexualisierung von Erniedrigung und Gewalt.“ Die Emma behandelt in der aktuellen Ausgabe ziemlich eindrücklich alle Facetten dieses Statements. Ich kann sie nur jedem ans Herz legen. Ein Interview mit einer ehemaligen Pornodarstellerin, die eindrücklich von der Wahrheit hinter dem „schnellen Geld“ berichtet, einer ausführlichen Beleuchtung des „großen Menschenversuch“ Pornografie und seine Auswirkungen auf unsere neuronalen Bahnen und  das Selbstbild junger Menschen, inklusive.

Immerhin sind sogar schon einige Männer dahinter gekommen, dass es so nicht weiter gehen kann. www.antipornmen.org !!!

Mein Trost: David Schnarch, Die sexuelle Psychologie sexueller Leidenschaft. Ich wünsche jedem Paar – in welcher Konstellation auch immer – ein, zwei Sekunden innezuhalten, den Strumpfgürtel mal beiseite zu legen und nicht darüber nachzudenken, mehr Würze ins Sexleben zu bringen.  Stattdessen den andren/ die andre sehen. Als Ganzes. Mit allen Falten, Grübchen und Schwangerschaftsstreifen. Mit jedem Haar und jeder liebenswerten Eigenheit die Körperlandschaften mit sich bringen.

Zwischen Zellulitis und leidenschaftlichem Sex gibt es einen statistischen Zusammenhang“, sagt Herr Schnarch. Und auch wenn das jetzt langweilig klingt – wie sein Name :-) – ich glaub auch, dass das Festmachen von Erotik an bestimmten Körperformen und Praktiken langfristig nicht das Gelbe vom Ei ist. Die Erotik kommt von Innen und hat mit Porno nix am Hut. In diesem Sinne kann man sich die Pornografie also getrost schenken. Seine psychische Gesundheit damit wahren, die Beziehung stärken und mit etwas Vorbildwirkung vielleicht die Welt mitgestalten. An Hungersnöten können wir ja wenig ändern. An gesellschaftlichen Werten aber schon.

7 thoughts on “Jetzt geht’s ans Eingemachte: PORNO

  1. durch Zufallen gefunden – und begeistert.🙂

    DANKE!
    Vieles fällt einem tatsächlich überhaupt nicht mehr auf, beim Lesen (und bei den Plakaten) dachte ich wirklich: »Ja und? Is doch normal …«
    und dann kommt der Punkt, an dem man denkt: »HALLO? Was ist denn daran bitte normal? Was hat dieser doofe Herrenanzug mit Sex auf der Küchenzeile zu tun??? Kann man das nich anders darstellen?«
    (Vor allem, wenn der Sex so toll ist, dass die beglückte Dame noch’n Kaffee dabei trinkt …😉 )

    Gut geschrieben, sehr informativ und erschreckend zutreffend – ich habs echt gerne gelesen!

  2. Lies mal „Pornos machen traurig“ von Peter Redvoort, dann wird dir klar, warum die PorNO Kampagne doch wichtig war / ist …

    Paulina

  3. Doch nochmal hier, weil ich das anders nicht gebacken bekomme (und ich den „Schreib‘ mir ne Mail!“-Knopf nicht finde😦 ) – schick mir doch mal eine, ich wollte nämlich den neuen Post kopieren und noch was fragen und so.😉

  4. Pingback: Von A wie Alice Schwarzer bis W wie Whore’s Glory | gut, ich werd dann mal … feministin

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s