Grundsatzdiskussion

Das Private ist politisch

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Is eh ein nettes Hobby, der Feminismus….

Ich studiere interdisziplinäre Geschlechterforschung. Warum? Weil es mich interessiert. Es ist mein zweites Studium.  Das ist doch alles für frustrierte Frauen, die keine anderen Probleme haben… An dieser Stelle behaupte ich mal ganz provokativ, es gibt kaum eine Studienrichtung, die mehr mit unserem Leben zu tun hat. Ich kann ein Auto fahren, ohne zu wissen wie der Motor funktioniert, relativ gut mit einem rudimentären Rechtswissen auskommen, Medizin ist ein schöner Luxus, es geht aber auch ohne, ebenso ohne BWL, Psychologie und Pädagogik. Auch Sprachen kann ich mir getrost sparen. Denn es gibt nur eine einzige Sache, die mich total irritiert und von der ich mein gesamtes Verhalten abhängig mache:
ob ich mein Gegenüber eindeutig als Frau oder Mann identifizieren kann. Und jede Person, die schon mal mit dieser Gelegenheit konfrontiert war weiß, dass nicht eher Ruhe ins Bewusstsein einkehrt, als ein Adamsapfel gefunden ist oder ein anderes klar definiertes Merkmal. Und schaffen wir es nicht, diesen Menschen richtig zuzuordnen, schämen wir uns ein bisschen. Denn es ist eine unserer grundlegensten Fähigkeiten.

Milliardengeschlecht äh… -geschäft

Meine Studienrichtung verunsichert Menschen. Genau wie Psychologie, oder Soziologie. Sie zeigt Dinge auf, die auf den ersten Blick nicht sichtbar sind. Doch nichts ist politischer als Geschlecht. Es gibt keinen Bereich, der nicht von dessen Einfluss durchwachsen wäre. Milliarden werden jährlich umgesetzt mit dem Ideal des schönen Geschlechts… egal ob Light-Produkte im Supermarkt, Kosmetikartikel, Fitness- und Wellnessbranche, die komplette Modewelt, Möbel- und Dekoindustrie. Nahezu alles was uns umgibt ist auf Frauen ausgerichtet – ganz zu schweigen von den Millionen die in die Werbung fließen, um uns zu suggerieren, dass wir genau dieses Teil der Herbst-Kollektion brauchen und unser Körper auf jeden Fall dem BMI entsprechen muss – schließlich hat ja die Klum auch mehrere Kinder zur Welt gebracht und schau sie dir an!… Und ganz ehrlich, wer kauft denn diese 100-Stück-Packungen Teelichter bei IKEA?  Die Wirtschaft verdient Millionen mit uns. Nicht weil wir das Zeug brauchen – oder ganz ehrlich, welches asiatische Mädchen kommt auf die Welt und glaub von selbst, dass es doch schön wär, wenn’s  Niveau Hautcreme mit „Whitening effect“ gäbe? – nein, dahinter steckt System. Damit lässt sich Kohle machen. Auch mit den Männern, die das inoffizielle Bruttoinlandsprodukt von Sextourismus-Destinationen in die Höhe schnellen lassen. Und seien wir ehrlich, mit dem weltweiten Frauenhandel und der Prostitution wird nicht gerade wenig Geld gemacht. Geschlecht ist ein Wirtschaftsfaktor.

GeschlÄchter-Wahnsinn

Ich arbeite derzeit an einer Seminararbeit über sexualisierter Kriegsgewalt. Das klingt jetzt schlimm, wenn ich das schreibe, aber Massenvergewaltigungen im Krieg sind „normal“. Wenn nicht als psychologische Strategie um eine Kultur zu zerstören, dann zumindest als Zeichen überhöhter Männlichkeit und Aneignung des Feindes-Besitztum (mind. 100 000 Frauen in den ersten Tagen des Einmarschs der Roten Armee in Berlin). Bosnien, Kongo, Ruanda, Japan,…die dokumentierten Beispiele sind zahlreich, die undokumentierten unüberschaubar.
Aufgrund der Literaturrecherche liegt mir ein Buch vor, das als ersten Satz mitteilt: „In nahezu allen bekannten Gesellschaften hat sexuelle Gewalt einen traditionsreichen Platz. […] In den Vereinigten Staaten wird jährlich mit mind. einer Viertelmillion Vergewaltigungen gerechnet. In der Schweiz gehen mittlere Schätzungen von 4000 Vergewaltigungen im Jahr aus.“ Kindesmissbrauch ist hier noch nicht eingerechnet. – Wenn ich von meiner Weltreise erzähle, werde ich als erstes bestürzt gefragt: Bist du alleine gefahren? – Der Hintergrund der Frage wird nie ausgesprochen, er ist allen klar. Er ist der Grund warum ich abends lieber 10 € fürs Taxi ausgebe, als 20 min zu Fuß vom Club nach Hause zu gehen. Dabei passieren (ich glaub) 70 % der Übergriffe ohenhin in den eigenen vier Wänden. Aber immerhin, unterbewusst weiß jede ganz genau wo ihr Platz ist.
Sexueller Missbrauch wird übrigens erst seit dem 17. Jahrhundert als Unrecht erkannt, und Vergewaltigung in der Ehe erst seit 1989 (in Österreich).

Und es ist ganz egal, ob es um berufliche Entscheidungswahl oder Entscheidungsmöglichkeiten geht, um die typische Größe einer Küche oder die massive Produktion an rosa Glitzerkram, der 5 Jährige zu Konsumsüchtigen macht. Geschlecht wirkt. Immer und überall.

Ja dann sollen die Frauen halt regieren….

Falls noch jemand glaubt Frauen als Regentinnen wären „besser“ oder menschlicher – wobei letzter Begriff in Zusammenhang mit den oben genannten Fakten mir doch etwas fragwürdig erscheint – irrt. Wir sind alle Menschen, und wir leben fast alle im selben System, und verwenden daher dieselben Spielregeln. Und die Spielregeln machen aus uns was wir sind. Eine/r allein kann sie nicht ändern. Und die SkandinavierInnen, was machen die dann anders? Tja, die haben sich aufgrund des Arbeitermangels in den 60er, 70er Jahren entschieden ihre weibliche Bevölkerung in den Arbeitsmarkt mehr einzugliedern, anstatt Gastarbeiter aus dem Osten zu holen, die sie 40 Jahre später dann wieder loswerden wollen. Darum, und nur darum, sind sie etwas weiter vorn in der Gender-Debatte.

Und was wollen die Feministinnen dann mit diesen „Innen“?

Sprache bildet Denken ab. Denken wird durch Sprache ausgedrückt. Wer mir ein positives Wort für eine Frau nennen kann, die mit vielen Männern schläft und ein negatives für einen Mann, der mit vielen Frauen schläft (und das Negativum sollte sich dabei nicht auf seine Mutter beziehen oder andre Frauen) – kriegt einen Preis.
Und wer noch immer glaubt, dass Sprache nichts mit Bewusstseinsveränderung zu tun, der/die überlege gut, was der Unterschied zwischen einem Menschen mit Behinderung und einem Krüppel ist, und einer Senegalesin und einer Negerin. Und man/frau denke auch darüber nach, was es für einen Unterschied macht von einer Frau zu berichten, die von einem Mann fast umgebracht wurde, oder von einem bulgarischen Callgirl, dass von einem „Waldmenschen“ fast getötet wurde.

Aber warum?

Falls jemand denkt, ich hasse nun alle Männer (was ja ein verbreiteter Feministinnen-Mythos ist), befindet sich ziemlich auf dem Holzweg. Ich würde mich ansonsten ja wohl kaum in meiner Seminararbeit auf die Suche nach den gesellschaftlichen Ursachen für die genannten „Normalitäten“ machen. Geben muss es sie. Mit dem Kapitel „Die empirischen Untersuchungen über das Erlernen sexueller Übergriffe auf Mädchen udn Frauen als normengerechtes Verhalten“ bin ich noch nicht durch – auch der Zusammenhang zwischen Gender, Nation und Kriegt liegt noch vor mir. – Aber Fortsetzung folgt (sicher). Einen Grund muss es aber geben, dass Jack the Ripper cineastische Bekanntheit genießt, Jack Unterweger noch immer ein Hauch von Faszination umweht, Josef Fritzl Hitler als Österreichisches Aushängeschild international abgehängt hat  und über Roman Polanski dezent die schützende Hand gehalten wird. Nur Wolfang Priklopils Scheusal-Status wurde erfolgreich von Natscha Kampusch eingestampft. Vermutlich mag man sie deshalb nicht mehr. Sie wehrt sich. In Wirklichkeit denken doch die meisten, dass sie endlich die Klappe halten soll. Ich bezweifle stark, dass die Mehrheit ihr Buch gekauft hat, um zu erfahren welche übermenschliche Stärke in dieser jungen Frau steckt, und stattdessen auf schmutzige Anektoden vom Sadisten höchst persönlich hofft. Natascha Kampusch hat den Spieß umgedreht – und das nimmt ihr die Öffentlichkeit übel.
So gehts dem Feminismus übrigens auch. Seit den Frauenbewegungen stieg die Zahl der „alltäglichen“ Vergewaltigungen stetig an, Pornografie ebenfalls…

Vor diesem Hintergrund hoffe ich, dass bisher Unüberzeugte doch noch verstehen, warum eine Hirterbierwerbung für so viel Unmut sorgen kann, und warum folgende Produktwerbung mir ebenfalls den Appetit auf das angebotene Kinder-Maxiking verdirbt. – Wer’s nicht rafft, stellt sich einfach vor er/sie wäre wieder 14. Was würdet ihr dann in dem Spot „sehen“?

In diesem Sinne – Geschlecht ist keine Privatsache. Und wenn, dann ist sie immer noch politisch. Im Sinne der Demokratie sollten wir vielleicht damit beginnen, diese Politik anders zu gestalten.


Zum drüber Nachdenken….