wo der pfeFFer wächst

Mi vida, mi corazon

Je mehr ich mich mit Bulgarisch beschäftige, desto mehr sehne ich mich nach Spanisch. Der Sprache meines Herzens. Das klingt kitschig. Aber Spanisch ist es eben auch. Latino-Spanisch. Eine Sprachkultur in der Angebetete mit „mi vida, mi corazon“ gerufen werden, in der blitzblaue Wände neben knallgelben, üppige Blumen und wuchtige Kakteen friedlich koexistieren, kleine Skelette die Anrichte schmücken. Mariachis in glitzernder Tracht geben ein melancholisch schmerzvolles canzon de amor von sich, während die zu Lebzeiten so stolze und leidenschaftliche Frida Kahlo einen strengen Blick aus dem Gemälde wirft. Mexiko.

Salzige Meeresluft gepaart mit schweren Küchendämpfen begleiten die Paila Marina um 2 € im abgelebten Mercado am Hafen. Unglaublich viele Liebespärchen ruhen sich auf Verkehrsinseln aus, trinken picksüßes mote con huesillo. So europäisch und lunch-break-mäßig Santiago mit all den Anzugträgern wirkt, als ob Lateinamerika maximal in der Mittagspause Platz fände, so sehr quillt das Kreative Schaffen aus den Poren Valparaisos – eine Stunde entfernt. Nicht nur Pablo Nerudo hat hier ein Liebesnest gefunden, überhaupt jede/r muss sich in die farbenprächtigen Graffiti und Wandgemälde, die bereits Weltkulturerbe sind verlieben. Nach 26 Busstunden die unendliche Weite. Scharfe Gebirgskanten von rotem Sand weichgezeichnet. Nachts tauchen Millionen von Sternen den Himmel in ein ungewöhnlich nahes und klares Lichtspektakel. Ich fühle mich beinahe umzingelt. Chile.

Kannte ich Alpacas und Vikunjas noch von Universum, war ich hier umzingelt. In der größten Salzwüste der Welt, am höchstgelegensten See der Welt, als getrocknete Föten auf dem Hexenmarkt, und – auf meinem Teller. „Res“ ist der spanische Überbegriff für kamelartige Erdbewohner auf der Speisekarte. Die Unendlichkeit in der Laguna Colorada gefunden, im Getümmel des größten Carnevals wieder entschwunden. Die Höhenkrankheit noch nicht überwunden. Und nicht nur aus diesem Grund bleibt einer in Bolivien die Luft weg. Die geballte Andersartigkeit an Kleidung, Verkehr- und Verkaufswesen, Zeitgefühl und Musikgeschmack, Kulinarik und Hygieneverständnis erdrückt mich förmlich. So viele Eindrücke sauge ich auf, dass ich sie erst ein halbes Jahr später wieder ausatmen kann.
Mit Ceviche, chicha morada, dulce de leche und Inka Cola steht Peru dem nichts nach. Der Machu Picchu war zwar gesperrt und die Bewohner sehen nicht aus wie die peruanischen Straßenmusikanten in Europa. Das Leben in einer peruanischen Familie, die Arbeit mit den kleinen Erwachsenen in Cuzco und das Eintauchen in den grünen Schlund Manus machten das wieder wett. Die Geräusche des Regenwaldes werde ich nie wieder vergessen, genauso wenig wie den Geruch der Kinder, die in einer Welt ohne sanitäre Anlagen aufwachsen – und den Blick in ihren Augen. Und die Erfahrung ein Meerschweinchen zu verzehren.

Latein- und Mittelamerika, alles was ich davon gesehen und erlebt habe wirkt wie erfunden, wie ein übertriebenes Märchen. Eine Welt in der Haustiere verspeist werden, Frauen Bowler-Hüte tragen und farbige Schweine am Strand relaxen – kann es die wirklich geben? Ja. Ich fühle mich wie Charly in der Schokoladenfabrik und Alice im Wunderland. Hat Tim Burton Südamerika erschaffen?
Wer mich kennt, sieht die Parallelen, wie scheinbar Unvereinbares symbiotisch verschmelzen mag. Spanisch ist sozusagen nur eine logische Konsequenz daraus.

Und Lateinamerika wäre nicht dasselbe. Sprache ist die Seele, die einem/r auf der Zunge liegt. Sie ist der Schlüssel, das Auge und das Verständnis für eine Kultur. Erst wer die Erfahrung kennt, in einem Bus zu sitzen, in dem Englisch und Spanisch aus allen Ecken tönt, fühlt sich sehend. Es gibt keine Unterscheidung mehr, keine Geheimnisse. Verstehen erhält eine andere Bedeutung. Genauso geht es mir mit Vorarlbergerisch und kyrillischer Schrift.  Meine Ohren sind nicht mehr taub, meine Augen nicht mehr blind.

Derzeit lerne ich Bulgarisch.  Holländisch war schon voll. Was soll’s. Nächstes Semester. Bulgarisch ist nicht die Sprache meines Herzens, aber es ist spannend in neue Denkmuster zu tauchen. Es eröffnet mir eine neue Tür, zu einer Welt von der ich bisher zugegebenermaßen keine Ahnung hatte. Ich werde sie vermutlich nicht bis in die kleinsten Winkel erforschen und meinen Blick irgendwann gen Schweden oder Holland schweifen lassen. Aber immerhin. Nur weil ich mich verkehrstechnisch in Wien zurechtfinde, muss ich ja auch nicht gleich dorthin übersiedeln.

Sprache ist nicht Grammatik oder Vokabel, die wir pauken. Sprache ist ein Aufsaugen, eine Neugier und Begeisterung für eine Kultur. Die einen finden Deklinationsfehler, die anderen finden Menschen vor.

Titikakasee von Peru aus

Titikakasee von Peru aus

Carneval in Oruro

Carneval in Oruro

Schwein am Titikakasee auf der Isla del sol (Bolvien)

Eine der vielen Lagunen in der Salzwüste

Raupe im Regenwald Perus

Raupe im Regenwald Perus

Typische Stoffe aus Bolivien

aymarische Familie auf Taquile (Titikakasee)

 

One thought on “Mi vida, mi corazon

  1. Pingback: re-building utopia | gut, ich werd dann mal … feministin

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s