muttiert

gut, dann werd ich mal…Mama

mamaZeit ist ziemlich relativ. Ein Artikel für eine Literaturzeitschrift kann bis zu seiner Veröffentlichung beispielsweise eineinhalb Jahre brauchen; wieder Ankommen nach einer langen Reise ca. ein halbes Jahr (oder nie, wie manche mir bescheinigen ;-) ); Studienunterlagen einsortieren: mehrere Semester; sich von alten Zeitschriften trennen: Jahre; einen kleinen Menschen ausbrüten: 40 Wochen. Fast 19 davon sind ‘rum – und ich war jede einzelne gedanklich mit dabei.

Immerwieder mal hab ich Blogartikel zur aktuellen Lage begonnen, doch die Hauptthemen drehten sich vorzugsweise um diverse Körperfunktionen, die beim Stereotyp Frau gerne negiert werden, in der Schwangerschaft jedoch auf Hochtouren gelangen. Vermutlich soll das die partnerschaftliche Intimsschmerzgrenze schon vorab senken, um Kotze auf der Schulter nur mehr als niedliches “Bäuerchen” wahrzunehmen.

Selbst- und Fremdwahrnehmung

Während mir verschiedenste Personen schon seit Jahren eine Schwangerschaft um die Mittagszeit diagnostizieren, ist es mir im gender-studentischen Kontext trotz stolz präsentierter Kugel viermal (!) in einer Woche passiert, dass die Neu-Informierten total überrascht waren…Kann natürlich viele Gründe haben. Schaut mensch sich die Weissagenden bzw. die Überraschten an, tut sich allerdings ein großer Graben zwischen geschlechtsspezifischen Erwartungen an eine fast 30-Jährige auf und dekonstruktionserprobten Generation auf der anderen Seite, die Kategorien wie Körper und Geschlecht mehr als einen hybriden bunten Malkasten denn als fix fertiges Playmobil-Figürchen wahrnimmt.

Dann gibt es noch die, die in der 9. Woche schon deinen geblähten Bauch streicheln wollen und ganz verduzt sind, warum du dich noch nicht so wahnsinnig freust wie sie, während du dir noch überlegst, ob es unangebracht sei, im Supermarkt direkt neben der Käsetheke in die Ecke zu kotzen. Über mehrere Wochen dachte ich, ich sei Jean-Baptiste Grenouille - mensch glaubt ja gar nicht, was eine Schwangere alles riechen kann. Und wie das stinkt.tumblr_lrt6opIqkB1qeo3wuo1_1280
Mittlerweile hab ich auch das überlebt und gebe mich meinem Hormonhoch hin: Seit einer Woche nutze ich meinen Urlaub enthusiatisch dazu, Krempel auszumisten, Fotos zu sortieren, die Wohnung zu putzen, Brot zu backen und mehrstündig zu kochen…und alles top motiviert. In 2 Tagen heißt es wieder arbeiten gehen – und ich freue mich wahnsinnig darauf. Die restliche Zeit verbringe ich mit Kuscheln und Tränen in den Augen, weil ich so happy bin.

Wisst ihr schon, was es wird?

Ein Kind. So viel steht fest. 25 Babies werden  in Österreich jährlich mit uneindeutigem Geschlecht geboren.  Es gibt auch Babykleidung in anderen Farben als rosa und blau, deren Zuordnung ohnehin aus historischen und ökonomischen Gründen fragwürdig ist. Und den Pink-Wahn der Spielzeugindustrie finde ich sowohl in Bezug auf Mädchen, als auf auch Jungs ziemlich problematisch. Denn wenn ohnehin alle alles dürfen und wir die geteilte welttotale Gleichberechtigung erreicht haben, dann frage ich mich schon, warum die einen komplett vom Konsum bestimmter Spielsachen (nur aufgrund derer Farbe) ausgeschlossen werden, und warum es so wichtig für viele scheint, das Geschlecht ihres ungeborenen Kindes zu erfahren, um sich darauf “einstellen” zu können. Worauf bitte? Auf ungleiche Bezahlung? Auf HTL vs. Friseurinnenlehre? Auf blaue oder pinke Strampelanzüge? Sollen meinem Kind nicht alle Möglichkeiten offen stehen? Ist es nicht meine Aufgabe als Elternteil eines Neugeborenen mich vor allem um dessen Nahrrungsaufnahme, Wickel- Schlaf- und Liebhabbedürfnisse zu kümmern? Worauf soll ich mich da gesondert einstellen? Meinen kleinen Sohn höher in die Luft werfen und von kräftig, groß und stark sprechen? Meine Tochter hübsch nennen und ganz zart anfassen?

Du wirst schon sehen, die werden trotzdem mit Puppen/Autos spielen…

Natürlich werden sich auch die Kinder einer Feministin bis zu einem gewissen Ausmaß geschlechtsspezifisch verhalten. Mensch lese Bandura (sozial-kognitive Theorie), Rubke & Martin (Kognitive Entwicklungstheorie) oder Martin & Halverson (Geschlechterschema-Theorie) um sich ein Bild davon zu machen, wie Lernen funktoniert und das die Entwicklung einer Geschlechtsidentität etwas ganz normales ist. Allerdings steuere ich als Elternteil durch Vorbildwirkung, Bekräftigung und/oder Sanktion gezielt, welches Verhalten wie von meinem Kind bewertet wird (a la “Ein Indianer kennt keinen Schmerz” oder “Das gehört sich für ein Mädchen nicht”).  Es ist meine Aufgabe übergriffiges Verhalten meines Sohnes nicht als “der steht halt auf das Mädl” zu verharmlosen, und es ist auch meine Aufgabe meiner Tochter bei zu bringen, dass ein “Nein” auch nein heißt, und niemand sie schlecht behandeln darf, weil er “halt auf sie steht”. Auch nicht im Kindergartenalter. Und es ist auch meine Aufgabe als Elternteil eine Prinzessinnenphase um einen realen Burgbesuch, Hexen, Ritter und Mittelalterkunde zu erweitern und nicht bei Disneys “Ich bin eine doofe Prinzessin – und darf nur mit Tieren sprechen” bewenden zu lassen.

Will meine jugendliche Tochter Geld als Gogo-Tänzerin dazu verdienen, werde ich es ihr nicht verbieten. Ich habe selbst auf genug Tischen in Netzstrumpfhosen getanzt. Allerdings sehe ich es ebenfalls als meine Aufgabe, über die “Begleiterscheinungen” eines solchen Jobs mit ihr zu sprechen und ihr klar zu machen, dass sie das auch jeder Zeit wieder sein lassen kann, wenn sie sich unwohl dabei fühlt (ohne ein “ich hab’s dir ja gesagt).

Ich kann meine Kinder nicht davor bewahren, von halbnackten Frauen im Großformat an der Bushaltestelle umzingelt zu werden. Ich kann vermutlich auch nicht verhindern, dass sie irgendwann im Volksschulalter  schon mit Internetpornografie konfrontiert werden. Ich kann sie allerdings auf Zuschreibungen aufmerksam machen und sie als diese entlarven, ich kann mit ihnen Klischees und mediale Bilder diskutieren und ihnen das Gefühl vermitteln, dass sie selber absolut ok sind, wie sie sind und keinem Plakat, keinem Porno und keiner Disneyversion von Helden und Prinzessinnen entsprechen müssen. Meine Kinder dürfen auch Mechaniker und Friseurin werden; aber mit einer anderen Grundhaltung als in “Manta, Manta”. Und das ist meine Verantwortung – als Feministin.

In diesem Sinne: Auf ein spannendes neues Jahr 2013!

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Ein Gedanke zu “gut, dann werd ich mal…Mama

  1. Pingback: Können Kreative erfolgreich bloggen? | trärchen.kollektiv

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